Meine Top15 der im Jahr ’15 gelesenen Bücher

2. Januar 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

2015 war ein Jahr mit interessanter Lektüre. So habe ich (nach 8 Monaten) endlich die „Parallelgeschichten“ von Peter Nádas abgeschlossen, habe „Die Brüder Karamasoff“ von Dostojewski gelesen (eine Lücke, die ich schon längst schließen wollte), habe mich durch Philip Roths Spätwerk gewühlt und gerade eben zum dritten Mal die Reise zum Dunklen Turm begonnen. Insgesamt stehe ich nun bei 43 gelesenen Büchern (Fiktion), dazu kommen noch ein bis zwei Romane zum Dunklen Turm, aber ein Fazit der persönlichen Lese-Highlights 2015 kann ich jetzt schon ziehen. Und so sieht’s aus.

1. Donna Tartt – The Goldfinch
Das harte Rennen und Platz 1 hat bei mir Donna Tartt knapp gewonnen. „The Goldfinch“ ist amerikanisches Storytelling auf allerhöchstem Niveau. Eine Art moderner „David Copperfield“, extrem spannend und mit denkwürdigen Charakteren. Eine Geschichte, die den Leser packt und nicht mehr loslässt.

2. John Williams – Stoner
Ich habe langer überlegt, ob „The Goldfinch“ oder der nicht minder herausragende „Stoner“ auf Platz 1 kommt. Letzten Endes kann ich es drehen, wie ich möchte – das waren meine beiden Bücher des Jahres. „Stoner“ ist eine abgrundtief traurige, fast schon depressiv stimmende Charakterstudie eines scheiternden Durchschnittsmenschen, die mich sehr berührt hat. Die Sprache ist unfassbar präzise und in ihrer Schlichtheit wunderschön.

3. Jonathan Franzen – Unschuld
Der neueste Streich von Jonathan Franzen kommt fast an das Niveau seines Meisterwerks „Freiheit“ heran. Die Figuren sind enorm präzise gezeichnet, die Dialoge schlicht herausragend und die Geschichte rund um Schuld (und Unschuld) packend wie ein Thriller.

4. Michael Ende – Die unendliche Geschichte
Unfassbar, dass ich erst jetzt „Die unendliche Geschichte“ gelesen habe. Als Kind habe ich die Filme vergöttert, v.a. natürlich den ersten. Aber das Buch ist so viel mehr! Eine universelle Geschichte, die ewig bestehen bleibt und Kinder wie Erwachsene auch in hundert Jahren noch mitreißen wird.

5. James Salter – In der Wand
Auf mich üben Bergsteiger eine mir selbst unerklärliche Faszination aus. Meine erste Begegnung mit James Salter führte mich in eisige Höhen. Das Buch ist, wie auch die Protagonisten sind: Kalt. Hartherzig. Erbarmungslos. Atemlos las ich es in nur zwei Tagen durch.

6. Andy Weir – The Martian
Die positive Überraschung 2015. Erwartet habe ich nicht viel, bekommen habe ich einen saukomischen und intelligenten SciFi-Thriller mit einem sympathischen Protagonisten. Die Verfilmung dazu war gut, wurde dem Buch aber nicht annähernd gerecht.

7. Salman Rushdie – Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte
Über den neuen Rushdie wurde ja kontrovers diskutiert. Ich stehe auf der Seite jener, die das Buch sehr mochten. Rushdies Fantasie ist schier grenzenlos, und wenn er alles in die Waagschale wirft, ist er dabei auch noch extrem witzig.

8. Valerie Fritsch – Winters Garten
Sprachlich wohl das interessanteste Buch 2015. Ein vielversprechender Debütroman, dessen geschliffene Sprache stets am Rande des Kitschs wandelt, aber nur selten abstürzt. Tolle Sprachbilder, ein sehr sinnliches Buch.

9. Anna Koschka – Naschmarkt 99
Ich muss gestehen: Ich bin noch nicht ganz durch damit. Die letzten zwei Folgen (von sieben) fehlen mir noch. Aber das, was ich bisher gelesen habe, rechtfertigt einen Platz in meinen Top15 auf jeden Fall. „Naschmarkt 99“ ist ein wundervolles, herzerwärmendes Abenteuer mit Freunden.

10. Stephen King – Finders Keepers
Den Nachfolger von „Mr. Mercedes“ fand ich spannend geschrieben (no na net, es ist Stephen King!) und wartete mit einem interessanten Antagonisten auf, der im Laufe der Geschichte viel an Profil gewann. So kann’s weitergehen.

11. Alice Munro – Hateship, Friendship, Courtship, Marriage
Die Kurzgeschichten von Alice Munro enthalten ganze Universen. Vor allem die Titelgeschichte ihres Erzählbands ist genau genommen ein Roman, der auf dreißig Seiten abdeckt, wofür andere Erzähler 300 Seiten brauchen (und ich wohl 3.000).

12. Ursula Poznanski – Layers
Wie alle Jugendthriller von Ursula Poznanski lebt auch „Layers“ sehr stark von der überragend gezeichneten Psychologie und der Gruppendynamik der Protagonisten. Das Setting und die Idee sind grandios, der Roman ist wie immer zum Nägelkauen spannend und die Auflösung stimmig. Ein Pageturner im besten Sinne.

13. Theresa Prammer – Wiener Totenlieder
Kaum eine andere Protagonistin hat mich 2015 so sehr in Verzücken versetzt wie Carlotta Fiore, die unfreiwillige Ermittlerin in Theresa Prammers Krimi „Wiener Totenlieder“. Lotta ist ein ziemliches Mistvieh, trägt das Herz auf der Zunge und schert sich nicht viel um Konventionen. Ich liebe diese Figur! Und die Morde, die in diesem Buch geschehen, sind absurd witzig und bringen noch mal zusätzlichen Drive rein.

14. Philip Roth – Everyman
Wie schon erwähnt habe ich 2015 das Spätwerk von Philip Roth, seine letzten vier Kurzromane, gelesen. „Everyman“ ist für mich das stimmigste, dringlichste Buch gewesen und zeigt, wie bitter Altern sein kann.

15. Isabella Straub – Das Fest des Windrads
Der zweite Roman von Isabella Straub hat mir sogar noch besser gefallen als ihr Erstling „Südbalkon“. „Das Fest des Windrads“ ist ein Clash of Culture, mal witzig, mal traurig, mal tiefsinnig – einfach wie das Leben selbst, das passiert, während man damit beschäftigt ist, andere Pläne zu machen. (Zitat Ende. Aber ich glaube, Lennon hätte den Roman gemocht.)

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Jahresrückblick 2013: Meine Top10 der Bücher

28. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Während es mit den Top50 meiner persönlichen Songs 2013 noch länger weitergeht, gibt’s jetzt zwischendurch mal einen Jahresrückblick, was meine Lektüre betrifft. Insgesamt habe ich (exklusive Sach- und Fachbücher, die sich bei mir allerdings immer in Grenzen halten) 35 Bücher im Jahr 2013 gelesen. Ein bisschen was für die Statistiker: 25 davon waren von männlichen Autoren geschrieben, 10 von weiblichen. 27 habe ich auf Deutsch gelesen, 8 auf Englisch. Der Löwenanteil, nämlich 30 Bücher, ließ sich wieder der Gattung Prosa zuordnen, 4 der Lyrik und eines der Dramatik. 32 Bücher habe ich zum ersten Mal gelesen, immerhin 3 zum wiederholten Male.

Wie immer, wenn man sich auf eine Top10-Liste beschränkt, bleiben viele großartige Bücher auf der Strecke. In diesem Fall hat es mit Dostojewskis „Schuld und Sühne“ einen absoluten Klassiker erwischt, „Trommeln vom anderen Ufer des großen Flusses“ von Richard Schuberth, diese herrliche Satire, die mir Lachtränen beschert hat, den eindrucksvollen Roman „Der Überdruss“ von Mo Yan, den neuesten King „Doctor Sleep“ und Cordula Simons tolles Debüt „Der potemkinsche Hund“, um nur einige zu nennen. Auch die vier Lyrikbücher schafften es nicht in die Liste, auch wenn ich bei den gesammelten Werken von Tucholsky und Doris Runges „zwischen tür und engel“ immerhin lange überlegt habe. Aber so ist das mal. Hier heißt es nicht „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“, sondern „Nur das Beste vom Besten“. Und hier sind sie nun, meine Top10, nach dramatischer Ankündigung:

1. Stephen King – Joyland

Wohl eine kleine Überraschung auf dem höchsten Treppchen, denn „Joyland“ war wohl für die meisten Fans eine Art Übergangsbuch, bis die lang ersehnte Fortsetzung zu „The Shining“, „Doctor Sleep“, erscheint. Ich selbst habe dieses Buch aber heiß geliebt. „Joyland“ ist eine wunderbar melancholische Geschichte über das Erwachsenwerden, über Verlust, über Freundschaft – ein warmherziges Buch mit tollen Charakteren. Manchmal sind es die leisen Zwischenspiele, die einem den Atem rauben.

2. Christoph Ransmayr – Atlas eines ängstlichen Mannes

Ransmayrs Reiseminiaturen erzählen mehr vom Reisenden selbst als über die besuchten Orte. Es sind Vermessungen der Seelenlandschaft, die der große österreichische Schriftsteller hier anbietet. Jede Episode beginnt mit „Ich sah …“, aber am Ende steht zwischen den Zeilen immer ein „Ich fühlte …“ oder ein „Ich begriff …“ – im Reisen entdeckte Ransmayr sich selbst, und die Art und Weise, wie er den Leser diese Erlebnisse nachfühlen und zu eigenen Erfahrungen werden lässt, ist ganz große Kunst.

3. Julio Cortázar – Die Nacht auf dem Rücken

Der Argentinier Cortázar, der in seinen Kurzgeschichten immer wieder an einen weiteren argentinischen Meister erinnert, Jorge Luis Borges nämlich, wurde mir von einem Freund empfohlen. Und ich bin ihm unendlich dankbar dafür, denn sonst wäre mir dieser grandiose Schriftsteller vielleicht für immer entgangen. Cortázar spielt mit fantastischen Elementen, die er wohl dosiert einsetzt in einer sehr präzisen Prosa, um den Menschen dahinter aufzuspüren.

4. F. Scott Fitzgerald – The Great Gatsby

Rechtzeitig bevor Baz Luhrmann’s Verfilmung in die Kinos kam, habe ich den Gatsby gelesen. Und was soll ich sagen? Die pompöse filmische Umsetzung musste zwangsläufig scheitern, da das Buch selbst eigentlich eine großartige, bissige, zynische Satire ist, die von subtilen Zwischentönen lebt und nur dank Fitzgeralds spitzzüngiger Prosa funktionieren kann.

5. Nina George – Das Lavendelzimmer

Nina George hat selbst ihren Roman als „Trostbuch“ bezeichnet. Und diese Einschätzung kann ich nur voll und ganz unterschreiben. „Das Lavendelzimmer“ ist ein Buch, das den Leser genau im Herzen trifft. Es ist ein Buch, bei dem man sich Zeile für Zeile vorantastet, jedes Wort begierig aufsaugend, denn man möchte keine Frage verpassen, die Nina George zwischen den Zeilen immer wieder an den Leser stellt. Es ist ein Buch, das nur für mich geschrieben wurde. Und für jeden einzelnen anderen Leser auch.

6. Roberto Bolaño – Die wilden Detektive

Roberto Bolaño hat sich in den letzten Jahren zu einem meiner Lieblingsschriftsteller entwickelt, und das mit bisher erst drei Büchern, die ich von ihm gelesen habe: „2666“, „Amuleto“ und eben „Die wilden Detektive“. Worum geht es in diesem Buch eigentlich? Ehrlich – ich habe bis heute noch keine Ahnung. Mexikaner verloren in Mexiko. Junge Studenten und Literaten, die irgendwo in der Geschichte (Mexikos / des Romans) verschwinden und zu Schatten werden, die man einfach nicht greifen kann. Ein wildes, lustvolles Spiel mit der Sprache, mit der Geschichte und mit Geschichten.

7. Julian Barnes – The Sense of an Ending

Am Anfang hatte ich wohl so meine Schwierigkeiten, in die (kurze) Geschichte hineinzufinden. Barnes lässt sich trotz aller Präzision und Knappheit durchaus Zeit, bis er zum Punkt kommt, um den es ihm eigentlich geht. Aber was für ein Knaller ist das Ende! Ein Buch, das völlig neue Fragen aufwirft über das eigene Erinnerungsvermögen. Nach der Lektüre dieses Romans beginnt man, sich selbst zu misstrauen.

8. J.M. Coetzee – The Childhood of Jesus

Wie könnte es auch anders sein: Der neue Roman von Coetzee ist rätselhaft und hat gleich mehrere Falltüren und doppelte Böden. In einem nicht näher definierten Land, das nach völlig anderen Wertesystemen der Zwischenmenschlichkeit aufgebaut ist als wir es kennen, versuchen zwei Flüchtlinge (Flüchtlinge wovor?), ein älterer Mann und ein fünfjähriger Junge, sich an diese neue und für sie fremde Gesellschaft anzupassen. All die Fragen, die der Roman aufwirft, in diesen wenigen Zeilen anzureißen, ist schlicht unmöglich. Daher ein ganz simpler Ratschlag: Lest das Buch!

9. Vladimir Nabokov – Lolita

Der Roman hat zwar seine Längen, aber dafür bietet er mit Abstand die geschliffenste, faszinierendste und auch zynischste Prosa, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Und man mag inhaltlich zu dem Buch stehen, wie man will, aber man muss anerkennen, dass Nabokov ein herausragender Schriftsteller war. Wenn ich nur eine Zeile zustande brächte, die es mit seiner Prosa aufnehmen kann, hätte ich mehr erreicht als viele veröffentlichte und gefeierte Schriftsteller.

10. Anna Koschka – Mohnschnecke

Wann ist ein Happy End zu Ende, und wie heißt es dann? „Mohnschnecke“ ist die Fortsetzung von „Naschmarkt“, dem herrlich zeitgemäßen, gewitzten, witzigen und lebensklugen Roman rund um die Literaturrezensentin, Bloggerin und überzeugte Plutzkatzensinglefrau Dotti Wilcek. Dass ein Happy End nicht immer das Ende der Geschichte bedeuten muss, zeigt Anna Koscha (das Pseudonym der Wiener Autorin Claudia Toman) in ihrem neuesten Roman sehr eindrucksvoll. Denn wie auch Tucholsky in seinem Gedicht „Danach“ bemerkt hat: „Es wird nach einem Happy End / im Film jewöhnlich abjeblendt“. Danach geht es allerdings weiter, das Leben ist damit nicht zu Ende, und manchmal muss man erst noch eine Extrarunde drehen um zu erkennen, was wichtig ist.

Buch der Woche: Doris Runge – zwischen tür und engel

6. Oktober 2013 § Ein Kommentar

Heute gibt’s mal wieder eine Lyrikempfehlung. Über Doris Runge bin ich gestolpert wie ich über Lyrik allgemein stolpere: beim Stöbern in der Buchhandlung. Ein paar Zeilen angelesen und schon bin ich hängengeblieben.

Wofür andere Dichter ganze Seiten brauchen, schafft Runge in wenigen Wörtern. Ihre Miniaturen sind von einzigartiger Dichte, viele Zeilen bestehen nur aus einem einzigen Wort, das dann auch noch oft die Tür öffnet zu einer weiteren Sinnebene. Vordergründig sind es oft kurze Beobachtungen, Naturbeschreibungen, Reflexionen, die Runge zeigt, aber wenn man genauer hinblickt, erkennt man die dahinter liegende Ebene, das Abgründige. Dass sie zur Gänze auf Satzzeichen verzichtet und alles konsequent in Kleinschreibung hält, ermöglicht es Runge, mit geringen Mitteln nahtlose Übergänge zu schaffen. Der Leser bemerkt kaum, was mit ihm geschieht, und findet sich plötzlich in einer gänzlich anderen Welt wieder als jener, die er vor wenigen Zeilen noch betreten hat.

Runges Werk ist schmal, man ist schnell durch damit, doch hallt es lange nach und es lädt vor allem zum erneuten Lesen ein, denn immer wieder entdeckt man neue Abzweigungen, die man noch nicht gegangen ist.

Buch der Woche: Stephen King – Joyland

21. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Stephen King ist jener Autor, der mich nach einer längeren Dürrephase als Jugendlicher wieder zum Lesen gebracht hat. Und er wird auch einer jener Autoren sein, die mich mein Leben lang begleiten. So viel kann ich nach mittlerweile 16 Jahren, die ich ihn schon lese, sagen. Meine literarischen Vorlieben haben sich in dieser Zeit immer wieder mal gewandelt, aber Stephen King ist geblieben. Und so war auch meine Freude sehr groß, als ich hörte, dass dieses Jahr sogar zwei neue Romane des Meisters erscheinen. „Joyland“ ist der erste, und auch wenn dieser vielleicht von manchen nicht mehr als eine Fingerübung gesehen wird für die langersehnte Fortsetzung von „Shining“, das Ende September erscheinende „Dr. Sleep“, so zeigt Stephen King hier dennoch all seine Klasse und seine Tugenden und Fähigkeiten, für die ich ihn so unendlich bewundere.

Was nämlich „Joyland“ und im Grunde fast alle seine Werke auszeichnet ist, dass er vielschichtige Ebenen und auch schwierige Botschaften und emotionale Tiefe mit leichter Hand erzählt. Vordergründig ist „Joyland“ eine Art Mischung aus Krimi, Geistergeschichte und Coming-of-Age-Drama. Aber wenn man tiefer blickt, erkennt man ganz große Themen wie Liebe und Tod, wie Finden und Loslassen, Freundschaft und Respekt, aber auch letzten Endes um die Kraft und die Weisheit, ein Leben mit all seinen Höhen und Tiefen bestreiten zu können.

Der Inhalt: Der Student Devin Jones (Ich-Erzähler in diesem Roman) kommt Anfang der 70er in den Vergnügungspark Joyland an die Küste, um dort über den Sommer zu arbeiten und so weit wie möglich (was gar nicht so einfach ist) das Mädel zu vergessen, das ihm gerade das Herz aus der Brust gerissen hat. Er schließt in Joyland neue Freundschaften und die Arbeit im Park macht ihm Freude und öffnet ihm auch die Augen für ungeahnte Talente. Allerdings liegt ein Schatten über dem Vergnügungspark. Denn in der Geisterbahn wurde vor einigen Jahren eine junge Frau während einer Fahrt kaltblütig ermordet, und nun soll es dort angeblich spuken. Devin bleibt auch über den Sommer hinaus, denn er spürt, dass Joyland für ihn mehr bereit hält als nur ein paar Dollar an Entgelt und einen schönen Sommer. In Joyland wird er zum Mann werden, und dafür wird er große Opfer bringen müssen.

„Joyland“ ist herrlich leicht geschrieben. Stephen King schafft es, eine unverwechselbare, ungemein sympathische Erzählstimme zu kreieren, und auch die Figuren in seinem Roman sind wundervoll gezeichnet. Wie bei den meisten seiner Romane ging es mir auch bei „Joyland“ so, dass ich am liebsten in das Buch hineingekrochen wäre, um mit Devin, Tom und Erin durch den Vergnügungspark zu schlendern. Am Ende des Buchs sind die Hauptfiguren Freunde geworden, man kennt sie durch und durch – es sind die sympathisch-durchgeknallten Typen, die man selbst leider nie kennengelernt hat, die aber trotzdem hinter jeder Ecke zu warten scheinen. Es sind die Freunde, mit denen man lange Abende am Seeufer verbringt, an denen das Leben für ein paar Stunden lang leicht wird. Aber man darf sich durch diese Leichtigkeit, die Stephen King vermittelt, nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass er ein sehr intelligenter und vielschichtiger Autor ist, der den Leser zunächst genau dahin führt, wo er ihn haben möchte, um ihn danach mit voller emotionaler Wucht zu treffen. Und plötzlich schält sich aus dieser leichten Lektüre eine Geschichte, die bis an den Kern des Menschlichen dringt und den Leser mit dem vagen Gefühl zurücklässt, einen neuen Blick auf das Leben an sich geworfen zu haben, ohne aber bestimmte Antworten zu kennen, denn Gewissheit gibt es letztlich nicht. Das Ende, ja das Ende ist dann einfach fantastisch. Es ist wuchtig (im Sinne von emotional fordernd), es ist absolut stimmig und konsequent. Wie immer geht Stephen King keine faulen Kompromisse ein. Er schont weder Figuren noch Leser. Am Ende haben beide Seiten wichtige Erfahrungen gemacht und neue Erkenntnisse gesammelt. Und sie gehen vielleicht mit ein paar offenen Wunden, aber letztlich gestärkt aus dem Buch hervor.

Buch der Woche: Robert Seethaler – Der Trafikant

16. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Heute gibt’s mal wieder einen Tipp aus der heimischen Küche: Robert Seethalers seitenzahlmäßig, aber nicht inhaltlich schmalen Roman „Der Trafikant“.

Worum geht’s? Im Jahr 1937 fährt der siebzehnjährige Franz Huchel aus seinem Dorf in Oberösterreich nach Wien, um in der Trafik seines Onkels Otto Trsnjek mitzuarbeiten und sich auf diese Weise selbst zu versorgen, nachdem der Liebhaber der Mutter das Zeitliche gesegnet hat und diese nun auf sich allein gestellt ist. Er lernt Otto Trsnjek als etwas eigenbrötlerischen, manchmal vielleicht auch mürrischen, aber herzensguten und aufrichtigen Mann kennen, der seine Kunden kennt wie sonst niemand. In seinem Leben hat er schon viele Höhen und Tiefen durchmachen müssen, im Ersten Weltkrieg hat er ein Bein verloren, und mit der Trafik hält er sich auch gerade mal so über Wasser.

Franz lernt sich ein. Er liest Zeitungen, wird dadurch empfänglicher für die Wirrungen der Weltgeschichte, die um ihn herum toben, und er lernt die Kunden kennen. Einer davon ist Sigmund Freud. Und da das Leben in der Großstadt halt nicht so einfach ist, und Verführungen durch die Liebe in Form einer etwas rundlichen, reschen Böhmin auf ihn warten, wendet er sich schon bald an den weltberühmten Psychoanalytiker. Die beiden schließen eine respektvolle, lose Freundschaft, und es zeigt sich bald, dass auch der betagte Doktor recht schnell mit seinem Latein am Ende ist, wenn’s um die Liebe und das Zeitgeschehen geht. 1938 dämmert heran, und inmitten der Freundschaft mit Dr. Freud oder der Liebe zu der wie ein Blatt im Wind treibenden Anezka, wird Franz mitgerissen vom Wahnsinn seiner Zeit. Der Onkel wird verschleppt, weil er pornographische Hefte unter der Hand an Juden verkauft hat. Franz wird offiziell zum neuen Trafikanten erklärt. Und damit zum Mann, der auch Entscheidungen treffen muss.

Robert Seethalers Roman hat mich von der ersten Seite an überzeugt. Die Sprache des Buchs ist der Zeit angemessen, lässt aber sehr viel Witz und auch Sarkasmus durchscheinen. Ohne dabei seine Helden zu schonen, seziert Seethaler die gesellschaftlichen Spannungen Ende der Dreißiger in Österreich und macht den Schrecken auf subtile Weise durch die Augen eines siebzehnjährigen Bauernjungen greifbar. Ein klein wenig fühlte ich mich durch diese Herangehensweise an „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertesz erinnert. Dadurch, dass die Welt aus der Sicht eines Außenstehenden, eines vielleicht auch nicht ganz Begreifenden geschildert wird, wird der Leser dazu gezwungen, genauer hinzuschauen. Es sind die kleinen Dinge, die in diesem Roman eine große Bedeutung bekommen. Dass es vordergründig um eine Liebesgeschichte und eine Freundschaft geht, macht den Roman so extrem authentisch. Er versucht nicht, mit erhobenem Zeigefinger anzuprangern, sondern er begnügt sich damit, beiläufig zu schildern. Und das macht die Geschichte glaubwürdig und den Leser empfänglicher für den eigentlichen Kontext des Buchs.

Einzig und allein ein bisschen mehr Sigmund Freud hätte ich mir gewünscht. Die Szenen, in denen der junge Franz Huchel aus Oberösterreich mit dem großen, aber schon etwas lebensmüden Analytiker zusammen sitzt um über die Liebe und die Frauen zu plaudern, sind absolut großartig und haben Verve und Witz. Davon hätte ich gern mehr gelesen. Aber auch so gibt’s von mir für diesen Roman eine glasklare Leseempfehlung.

Die Gefährten: Salman Rushdie

11. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Es ist mal wieder Zeit für einen Gefährten. Diesmal: Salman Rushdie. Mit ihm bzw. seinem Buch „Des Mauren letzter Seufzer“ verbindet mich eine besondere Geschichte. Und ich halte ihn nach wie vor für den großartigsten Autoren des magischen Realismus unserer Zeit (sorry, Haruki Murakami).

Was ich von ihm gelesen habe:
Der Boden unter ihren Füßen
Des Mauren letzter Seufzer
Die bezaubernde Florentinerin
Die satanischen Verse
Grimus
Harun und das Meer der Geschichten
Midnight’s Children
Osten, Westen
Scham und Schande
Shalimar der Narr
Wut

Was ich sonst noch von ihm lesen möchte:
Luka und das Lebensfeuer

Mein Lieblingsbuch:
Des Mauren letzter Seufzer

Warum genau dieses:
Mit „Des Mauren letzter Seufzer“ verbindet mich eine besondere Geschichte. Ich hatte gerade meine Matura erfolgreich gemacht. Von meinem Klassenvorstand, der mich in Mathematik und Deutsch unterrichtete (in Mathematik war er brillant, an Deutsch hingegen hing sein Herz – durch ihn habe ich Thomas Mann und die „Buddenbrooks“ kennengelernt), bekam ich einen Gutschein für eine Buchhandlung zum guten Erfolg. Ich hatte damals eine sehr ausgeprägte Stephen King-Phase, las alles von ihm, was ich in die Finger bekommen konnte. Und klar, ein Teil des Gutscheins ging für den neuesten Stephen King-Roman weg. Aber dann stand ich in der Buchhandlung, und ich dachte mir, dass ich den anderen, übrig gebliebenen Teil aus Respekt vor meinem Klassenvorstand in etwas literarisch Hochwertigerem anlegen sollte. Unschlüssig fuhr ich mit meinem Finger die Buchrücken entlang, überfordert vom dem großen Angebot, den vielen Namen. Dann stieß ich auf Salman Rushdies „Des Mauren letzter Seufzer“. Von Rushdie hatte ich schon mal gehört, also nahm ich das Buch aus dem Regal und las die erste Seite. Und es war klar, dass ich dieses Buch haben musste. Ich nahm es in den Urlaub nach Kroatien mit, wo ich in den trägen Nachmittagsstunden auf dem Zimmer oder der Terrasse in eine geheimnisvolle Welt versank, die nach frischen Gewürzen duftete und in der alles möglich schien. In diesem Buch fand ich einen Schlüssel in eine andere Welt: in jene der Literatur. Und was soll ich sagen? Diese Welt wurde zu meiner Heimat.

Und warum Rushdie:
Rushdie wird wegen „Des Mauren letzter Seufzer“ immer einen besonderen Platz in meinem Wohnzimmer haben. Aber auch ohne Sentimentalitäten halte ich ihn für einen der besten Schriftsteller unserer Zeit. Er ist nicht immer brillant, das nicht, aber all seine Zeilen vibrieren geradezu vor Magie, jene der hellen Sorte, die auf Schmetterlingsflügeln angeflattert kommt. Durch ihn habe ich eine Ahnung vom modernen Indien bekommen, und ich weiß nun, dass wir manchmal alle das Gleiche träumen.

Buch der Woche: Roberto Bolaño – Die wilden Detektive

5. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Nach einer kleinen Pause geht es nun wieder weiter mit dem „Buch der Woche“. Dass diese Pause überhaupt entstand, liegt auch an dem aktuellen Buch der Woche selbst, hat mich Roberto Bolaños „Die wilden Detektive“ nun knapp ein Monat lang begleitet. 770 irrwitzige, opulente, multiperspektivische, mit dem Leser spielende, falsche Fährten legende und aberwitzig komische Seiten müssen erst einmal aufmerksam gelesen werden.

Worum geht es also in jenem Roman, mit dem Roberto Bolaño Kritikerlob und Preise einheimste, bevor er posthum mit „2666“ einem breiteren Publikum bekannt wurde? Nun, es beginnt mit den Tagebuchaufzeichnungen des siebzehnjährigen Studenten Juan Garcia Madero, der in Mexiko City sein Studium im jugendlichen Leichtsinn einfach sein lässt und sich der nebulösen Dichtergruppe der Realviszeralisten anschließt rund um die kaum greifbaren und ziellosen Dichter Ulises Lima und Arturo Belano (das literarische Alter Ego von Bolaño selbst). In der Gruppe der Dichter findet Garcia Madero Akzeptanz und seine ersten erotischen Abenteuer. Der junge Student wird zum Dandy, lässt sich treiben und nicht von ungefähr heißt dieser launige erste Teil „Mexikaner, verloren in Mexiko“. Die Handlung spielt hier zwischen November und Ende Dezember 1974. Das Tagebuch endet mit dem Jahreswechsel und einer wilden Flucht von Garcia Madero, Lima und Belano, die sich irgendwie durch eine gefährliche Mischung aus Enthusiasmus und Übermut in die Bredouille geritten haben.

Was dann folgt, ist ein Versteckspiel rund um den Verbleib und weiteren Lebenslauf von Lima und Belano. Hier kommen nun die „wilden Detektive“ ins Spiel. Menschen, die auf Lima und Belano im Laufe ihres Lebens getroffen sind, oder zumindest auf andere Menschen, die Anknüpfungspunkte an die beiden Dichter bieten, melden sich in kurzen Erzählungen zu Wort. Und so entsteht auf etwa 600 Seiten ein vielstimmiger Chor, der alles und nichts über die beiden Dichter weiß. Man hat sie in Wien gesehen, in Tel Aviv, in Barcelona, in Lissabon, in Afrika, natürlich in Mexiko City, sie waren mal hier, mal dort, mal gemeinsam, mal ist nur einer der beiden greifbar, und die beiden Anführer der Realviszeralisten werden zunehmend zu Schatten. Alles ist plötzlich fraglich. Es gibt keine sicheren Informationen mehr. Und bleiben die tatsächlichen Lebensumstände im Großen und Ganzen im Dunkeln. Als Leser kann man sich schließlich so etwas wie eine Biographie zusammenreimen (der Roman geht bis 1996), aber wie es eben so oft ist mit Biographien, gibt es Lücken, Unplausibilitäten, Übertreibungen und gefärbte Erinnerungen. Das Leben ist eben nicht so einfach greifbar.

Am Ende folgt noch einmal ein kurzer Auszug aus dem Tagebuch des Juan Garcia Madero von Jänner 1975. Hier blickt der Leser das letzte Mal Lima und Belano nach, wie sie in der Wüste von Sonora im Staub entschwinden. Und alles, was bleibt und womit das Buch auch endet, ist ein Rätsel.

Nachdem ich Roberto Bolaños Roman gelesen habe, fühle ich mich – was mein eigenes Schreiben betrifft – wie der matschigste Maulwurfshügel neben dem Mt. Everest. Bolaños Sprache ist unverschämt gut, was sich vor allem in dem vielstimmigen Mittelteil zeigt. Dazu kommt ein Detailwissen und Faktenwissen, das jeden Universitätsprofessor in dessen Fachbereich zu Ehre reichen würde, und eine Fabulierkunst und erzählerische Kraft, die einen regelrechten Sog entwickelt, wenn man sich erst einmal auf dieses Experiment der indirekten Berichte eingelassen hat. Zudem gibt es Parallelen und Querverbindungen zu entdecken zu anderen Werken Bolaños, zu „2666“ und „Amuleto“ (die beiden Romane, die ich schon von ihm gelesen habe), und man merkt, dass alles in Bolaños Schaffen Teil eines großen Ganzen, eines literarischen Universums ist, in dem es Falltüren und Spiegel gibt und keine Sicherheiten mehr, weder für den Autor noch für den Leser. Und das ist verflucht großartig!

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