Buch der Woche: Doris Runge – zwischen tür und engel

6. Oktober 2013 § Ein Kommentar

Heute gibt’s mal wieder eine Lyrikempfehlung. Über Doris Runge bin ich gestolpert wie ich über Lyrik allgemein stolpere: beim Stöbern in der Buchhandlung. Ein paar Zeilen angelesen und schon bin ich hängengeblieben.

Wofür andere Dichter ganze Seiten brauchen, schafft Runge in wenigen Wörtern. Ihre Miniaturen sind von einzigartiger Dichte, viele Zeilen bestehen nur aus einem einzigen Wort, das dann auch noch oft die Tür öffnet zu einer weiteren Sinnebene. Vordergründig sind es oft kurze Beobachtungen, Naturbeschreibungen, Reflexionen, die Runge zeigt, aber wenn man genauer hinblickt, erkennt man die dahinter liegende Ebene, das Abgründige. Dass sie zur Gänze auf Satzzeichen verzichtet und alles konsequent in Kleinschreibung hält, ermöglicht es Runge, mit geringen Mitteln nahtlose Übergänge zu schaffen. Der Leser bemerkt kaum, was mit ihm geschieht, und findet sich plötzlich in einer gänzlich anderen Welt wieder als jener, die er vor wenigen Zeilen noch betreten hat.

Runges Werk ist schmal, man ist schnell durch damit, doch hallt es lange nach und es lädt vor allem zum erneuten Lesen ein, denn immer wieder entdeckt man neue Abzweigungen, die man noch nicht gegangen ist.

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Buch der Woche: Stephen King – Joyland

21. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Stephen King ist jener Autor, der mich nach einer längeren Dürrephase als Jugendlicher wieder zum Lesen gebracht hat. Und er wird auch einer jener Autoren sein, die mich mein Leben lang begleiten. So viel kann ich nach mittlerweile 16 Jahren, die ich ihn schon lese, sagen. Meine literarischen Vorlieben haben sich in dieser Zeit immer wieder mal gewandelt, aber Stephen King ist geblieben. Und so war auch meine Freude sehr groß, als ich hörte, dass dieses Jahr sogar zwei neue Romane des Meisters erscheinen. „Joyland“ ist der erste, und auch wenn dieser vielleicht von manchen nicht mehr als eine Fingerübung gesehen wird für die langersehnte Fortsetzung von „Shining“, das Ende September erscheinende „Dr. Sleep“, so zeigt Stephen King hier dennoch all seine Klasse und seine Tugenden und Fähigkeiten, für die ich ihn so unendlich bewundere.

Was nämlich „Joyland“ und im Grunde fast alle seine Werke auszeichnet ist, dass er vielschichtige Ebenen und auch schwierige Botschaften und emotionale Tiefe mit leichter Hand erzählt. Vordergründig ist „Joyland“ eine Art Mischung aus Krimi, Geistergeschichte und Coming-of-Age-Drama. Aber wenn man tiefer blickt, erkennt man ganz große Themen wie Liebe und Tod, wie Finden und Loslassen, Freundschaft und Respekt, aber auch letzten Endes um die Kraft und die Weisheit, ein Leben mit all seinen Höhen und Tiefen bestreiten zu können.

Der Inhalt: Der Student Devin Jones (Ich-Erzähler in diesem Roman) kommt Anfang der 70er in den Vergnügungspark Joyland an die Küste, um dort über den Sommer zu arbeiten und so weit wie möglich (was gar nicht so einfach ist) das Mädel zu vergessen, das ihm gerade das Herz aus der Brust gerissen hat. Er schließt in Joyland neue Freundschaften und die Arbeit im Park macht ihm Freude und öffnet ihm auch die Augen für ungeahnte Talente. Allerdings liegt ein Schatten über dem Vergnügungspark. Denn in der Geisterbahn wurde vor einigen Jahren eine junge Frau während einer Fahrt kaltblütig ermordet, und nun soll es dort angeblich spuken. Devin bleibt auch über den Sommer hinaus, denn er spürt, dass Joyland für ihn mehr bereit hält als nur ein paar Dollar an Entgelt und einen schönen Sommer. In Joyland wird er zum Mann werden, und dafür wird er große Opfer bringen müssen.

„Joyland“ ist herrlich leicht geschrieben. Stephen King schafft es, eine unverwechselbare, ungemein sympathische Erzählstimme zu kreieren, und auch die Figuren in seinem Roman sind wundervoll gezeichnet. Wie bei den meisten seiner Romane ging es mir auch bei „Joyland“ so, dass ich am liebsten in das Buch hineingekrochen wäre, um mit Devin, Tom und Erin durch den Vergnügungspark zu schlendern. Am Ende des Buchs sind die Hauptfiguren Freunde geworden, man kennt sie durch und durch – es sind die sympathisch-durchgeknallten Typen, die man selbst leider nie kennengelernt hat, die aber trotzdem hinter jeder Ecke zu warten scheinen. Es sind die Freunde, mit denen man lange Abende am Seeufer verbringt, an denen das Leben für ein paar Stunden lang leicht wird. Aber man darf sich durch diese Leichtigkeit, die Stephen King vermittelt, nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass er ein sehr intelligenter und vielschichtiger Autor ist, der den Leser zunächst genau dahin führt, wo er ihn haben möchte, um ihn danach mit voller emotionaler Wucht zu treffen. Und plötzlich schält sich aus dieser leichten Lektüre eine Geschichte, die bis an den Kern des Menschlichen dringt und den Leser mit dem vagen Gefühl zurücklässt, einen neuen Blick auf das Leben an sich geworfen zu haben, ohne aber bestimmte Antworten zu kennen, denn Gewissheit gibt es letztlich nicht. Das Ende, ja das Ende ist dann einfach fantastisch. Es ist wuchtig (im Sinne von emotional fordernd), es ist absolut stimmig und konsequent. Wie immer geht Stephen King keine faulen Kompromisse ein. Er schont weder Figuren noch Leser. Am Ende haben beide Seiten wichtige Erfahrungen gemacht und neue Erkenntnisse gesammelt. Und sie gehen vielleicht mit ein paar offenen Wunden, aber letztlich gestärkt aus dem Buch hervor.

Buch der Woche: Robert Seethaler – Der Trafikant

16. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Heute gibt’s mal wieder einen Tipp aus der heimischen Küche: Robert Seethalers seitenzahlmäßig, aber nicht inhaltlich schmalen Roman „Der Trafikant“.

Worum geht’s? Im Jahr 1937 fährt der siebzehnjährige Franz Huchel aus seinem Dorf in Oberösterreich nach Wien, um in der Trafik seines Onkels Otto Trsnjek mitzuarbeiten und sich auf diese Weise selbst zu versorgen, nachdem der Liebhaber der Mutter das Zeitliche gesegnet hat und diese nun auf sich allein gestellt ist. Er lernt Otto Trsnjek als etwas eigenbrötlerischen, manchmal vielleicht auch mürrischen, aber herzensguten und aufrichtigen Mann kennen, der seine Kunden kennt wie sonst niemand. In seinem Leben hat er schon viele Höhen und Tiefen durchmachen müssen, im Ersten Weltkrieg hat er ein Bein verloren, und mit der Trafik hält er sich auch gerade mal so über Wasser.

Franz lernt sich ein. Er liest Zeitungen, wird dadurch empfänglicher für die Wirrungen der Weltgeschichte, die um ihn herum toben, und er lernt die Kunden kennen. Einer davon ist Sigmund Freud. Und da das Leben in der Großstadt halt nicht so einfach ist, und Verführungen durch die Liebe in Form einer etwas rundlichen, reschen Böhmin auf ihn warten, wendet er sich schon bald an den weltberühmten Psychoanalytiker. Die beiden schließen eine respektvolle, lose Freundschaft, und es zeigt sich bald, dass auch der betagte Doktor recht schnell mit seinem Latein am Ende ist, wenn’s um die Liebe und das Zeitgeschehen geht. 1938 dämmert heran, und inmitten der Freundschaft mit Dr. Freud oder der Liebe zu der wie ein Blatt im Wind treibenden Anezka, wird Franz mitgerissen vom Wahnsinn seiner Zeit. Der Onkel wird verschleppt, weil er pornographische Hefte unter der Hand an Juden verkauft hat. Franz wird offiziell zum neuen Trafikanten erklärt. Und damit zum Mann, der auch Entscheidungen treffen muss.

Robert Seethalers Roman hat mich von der ersten Seite an überzeugt. Die Sprache des Buchs ist der Zeit angemessen, lässt aber sehr viel Witz und auch Sarkasmus durchscheinen. Ohne dabei seine Helden zu schonen, seziert Seethaler die gesellschaftlichen Spannungen Ende der Dreißiger in Österreich und macht den Schrecken auf subtile Weise durch die Augen eines siebzehnjährigen Bauernjungen greifbar. Ein klein wenig fühlte ich mich durch diese Herangehensweise an „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertesz erinnert. Dadurch, dass die Welt aus der Sicht eines Außenstehenden, eines vielleicht auch nicht ganz Begreifenden geschildert wird, wird der Leser dazu gezwungen, genauer hinzuschauen. Es sind die kleinen Dinge, die in diesem Roman eine große Bedeutung bekommen. Dass es vordergründig um eine Liebesgeschichte und eine Freundschaft geht, macht den Roman so extrem authentisch. Er versucht nicht, mit erhobenem Zeigefinger anzuprangern, sondern er begnügt sich damit, beiläufig zu schildern. Und das macht die Geschichte glaubwürdig und den Leser empfänglicher für den eigentlichen Kontext des Buchs.

Einzig und allein ein bisschen mehr Sigmund Freud hätte ich mir gewünscht. Die Szenen, in denen der junge Franz Huchel aus Oberösterreich mit dem großen, aber schon etwas lebensmüden Analytiker zusammen sitzt um über die Liebe und die Frauen zu plaudern, sind absolut großartig und haben Verve und Witz. Davon hätte ich gern mehr gelesen. Aber auch so gibt’s von mir für diesen Roman eine glasklare Leseempfehlung.

Buch der Woche: Roberto Bolaño – Die wilden Detektive

5. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Nach einer kleinen Pause geht es nun wieder weiter mit dem „Buch der Woche“. Dass diese Pause überhaupt entstand, liegt auch an dem aktuellen Buch der Woche selbst, hat mich Roberto Bolaños „Die wilden Detektive“ nun knapp ein Monat lang begleitet. 770 irrwitzige, opulente, multiperspektivische, mit dem Leser spielende, falsche Fährten legende und aberwitzig komische Seiten müssen erst einmal aufmerksam gelesen werden.

Worum geht es also in jenem Roman, mit dem Roberto Bolaño Kritikerlob und Preise einheimste, bevor er posthum mit „2666“ einem breiteren Publikum bekannt wurde? Nun, es beginnt mit den Tagebuchaufzeichnungen des siebzehnjährigen Studenten Juan Garcia Madero, der in Mexiko City sein Studium im jugendlichen Leichtsinn einfach sein lässt und sich der nebulösen Dichtergruppe der Realviszeralisten anschließt rund um die kaum greifbaren und ziellosen Dichter Ulises Lima und Arturo Belano (das literarische Alter Ego von Bolaño selbst). In der Gruppe der Dichter findet Garcia Madero Akzeptanz und seine ersten erotischen Abenteuer. Der junge Student wird zum Dandy, lässt sich treiben und nicht von ungefähr heißt dieser launige erste Teil „Mexikaner, verloren in Mexiko“. Die Handlung spielt hier zwischen November und Ende Dezember 1974. Das Tagebuch endet mit dem Jahreswechsel und einer wilden Flucht von Garcia Madero, Lima und Belano, die sich irgendwie durch eine gefährliche Mischung aus Enthusiasmus und Übermut in die Bredouille geritten haben.

Was dann folgt, ist ein Versteckspiel rund um den Verbleib und weiteren Lebenslauf von Lima und Belano. Hier kommen nun die „wilden Detektive“ ins Spiel. Menschen, die auf Lima und Belano im Laufe ihres Lebens getroffen sind, oder zumindest auf andere Menschen, die Anknüpfungspunkte an die beiden Dichter bieten, melden sich in kurzen Erzählungen zu Wort. Und so entsteht auf etwa 600 Seiten ein vielstimmiger Chor, der alles und nichts über die beiden Dichter weiß. Man hat sie in Wien gesehen, in Tel Aviv, in Barcelona, in Lissabon, in Afrika, natürlich in Mexiko City, sie waren mal hier, mal dort, mal gemeinsam, mal ist nur einer der beiden greifbar, und die beiden Anführer der Realviszeralisten werden zunehmend zu Schatten. Alles ist plötzlich fraglich. Es gibt keine sicheren Informationen mehr. Und bleiben die tatsächlichen Lebensumstände im Großen und Ganzen im Dunkeln. Als Leser kann man sich schließlich so etwas wie eine Biographie zusammenreimen (der Roman geht bis 1996), aber wie es eben so oft ist mit Biographien, gibt es Lücken, Unplausibilitäten, Übertreibungen und gefärbte Erinnerungen. Das Leben ist eben nicht so einfach greifbar.

Am Ende folgt noch einmal ein kurzer Auszug aus dem Tagebuch des Juan Garcia Madero von Jänner 1975. Hier blickt der Leser das letzte Mal Lima und Belano nach, wie sie in der Wüste von Sonora im Staub entschwinden. Und alles, was bleibt und womit das Buch auch endet, ist ein Rätsel.

Nachdem ich Roberto Bolaños Roman gelesen habe, fühle ich mich – was mein eigenes Schreiben betrifft – wie der matschigste Maulwurfshügel neben dem Mt. Everest. Bolaños Sprache ist unverschämt gut, was sich vor allem in dem vielstimmigen Mittelteil zeigt. Dazu kommt ein Detailwissen und Faktenwissen, das jeden Universitätsprofessor in dessen Fachbereich zu Ehre reichen würde, und eine Fabulierkunst und erzählerische Kraft, die einen regelrechten Sog entwickelt, wenn man sich erst einmal auf dieses Experiment der indirekten Berichte eingelassen hat. Zudem gibt es Parallelen und Querverbindungen zu entdecken zu anderen Werken Bolaños, zu „2666“ und „Amuleto“ (die beiden Romane, die ich schon von ihm gelesen habe), und man merkt, dass alles in Bolaños Schaffen Teil eines großen Ganzen, eines literarischen Universums ist, in dem es Falltüren und Spiegel gibt und keine Sicherheiten mehr, weder für den Autor noch für den Leser. Und das ist verflucht großartig!

Buch der Woche: Mo Yan – Der Überdruss

12. August 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Mein Buch der Woche ist das erste Werk des letztjährigen Literaturnobelpreisträgers, das ich gelesen habe. Und ich denke, es wird nicht das letzte bleiben.

In dem mit 800 Seiten sehr üppigen Roman „Der Überdruss“ (genial finde ich ja den englischen Titel: „Life And Death Are Wearing Me Out“) zeichnet Mo Yan 50 Jahre chinesische Geschichte nach, von der Landreform 1950 bis zum neuen Millennium. Die Grundidee, auf die das Buch fußt, ist pfiffig: Der Grundbesitzer Ximen Nao wird im Zuge der Landreform erschossen und findet sich in der Unterwelt wieder. Nach zwei Jahren gelingt es ihm schließlich, den Unterweltfürsten Yama davon zu überzeugen, dass er unschuldig gestorben sei und eine Wiedergeburt verdient hätte. Yama lässt sich darauf ein, aber natürlich nicht auf die Weise, wie Ximen Nao hofft. Der ehemalige Grundbesitzer findet sich nämlich zwar in seinem Dorf wieder, allerdings im Körper eines Esels. Und darin muss er nun Mao Zedongs „großen Sprung nach vorne“ mitmachen, bis er der Hungersnot zum Opfer fällt. Weiter geht es mit den Wiedergeburten als Stier und als Schwein, immer an seinem ehemaligen Hof, der mittlerweile seinem früheren Knecht Lan Lian gehört. Dieser behauptet sich in einer Zeit der Kollektivierung als einziger Privatwirtschafter weit und breit und ist so vielen ein Dorn im Auge. Ihm treu ergeben: Ximen Nao als Ximen Esel, Ximen Stier und Ximen Schwein. Doch es soll noch zwei weitere Reinkarnationen dauern, bis Ximen Nao wieder als Mensch auf die Welt kommt.

Ich habe in diesem Buch sehr viel über die Entwicklung Chinas unter Mao Zedong gelernt, was über die wenigen Brocken, die man aus dem Geschichtsunterricht kennt, hinausgeht. Was mir Mo Yan mit seinem breit angelegten Roman sehr gut vermittelt hat, ist ein Eindruck vom ländlichen Leben während dem großen Sprung nach vorne und der Kulturrevolution.

Stilistisch ist das Buch eine Herausforderung, da sich (das letzte Kapitel inkludiert) gleich drei Erzähler um die Geschichte streiten, nämlich einmal der wiedergeborene Ximen Nao in seinen verschiedenen Tier-Reinkarnationen, dann Lan Jiefang, der Sohn von Lan Lian und zu guter Letzt auch noch Mo Yan, der ansonsten als groteske Nebenfigur immer wieder durch den Roman huscht, selbst. Auch an den Satzstellungen, am Erzähltempo, an diversen Wiederholungen und Straffungen merkt man, dass man als Leser die westliche Literatur verlassen hat und sich wiederfindet in einer gänzlich anderen Weise, wie Geschichten erzählt werden können. Ich musste mich als Leser erst einmal in den ganz speziellen Rhythmus der Geschichte reinfinden. Sobald das aber gelungen war, hatte ich meinen wortwörtlich tierischen Spaß mit dem Roman. Denn Mo Yan beweist auch viel Humor, ohne aber dabei Gefahr zu laufen, mit dem Weichzeichner zu arbeiten. Es geht mitunter auch sehr derb zu in diesem Roman und manchmal auch sehr grauslich.

Auf jeden Fall eine Lektüre, die man sich zwar erarbeiten muss, die aber absolut empfehlenswert ist. Ich kann durchaus nachvollziehen, warum man auf die Idee kommt, diesem (mir vorher unbekannten) Autoren den wichtigsten Literaturpreis unserer Zeit zu verleihen.

Buch der Woche: Wulf Kirsten – Stimmenschotter

3. August 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Eher durch Zufall bin ich auf den mecklenburgischen Dichter Wulf Kirsten gestoßen (nicht verwandt mit dem ehemaligen Fußballspieler Ulf Kirsten). 1993 erschien der Gedichtband „Stimmenschotter“, und die unprätentiösen, in sich gekehrten Gedichte, die ihre Kraft aus der den Dichter umgebenden Landschaft ziehen, haben es mir sehr angetan. Es sind kleine Momentaufnahmen, die immer wieder den größeren Kontext andeuten. Zwischen den Zeilen spielt sich das Weltgeschehen ab, aber eher als fernes Echo des umherschweifenden Blicks des lyrischen Ichs. Wulf Kirsten ist ein Suchender in seinen Gedichten, und manchmal, in seinen glücklichen Zeilen, findet er kleine, rundgeschliffene Kieselsteine, die er in die Hosentaschen stopft. Öfter aber findet er nichts als sein eigenes Spiegelbild in einer Regenpfütze oder eine Wolke, die ihn an etwas erinnert, was er längst vergessen hat. Was auch immer er auf seinem Weg durch die Gedichte findet, es ist immer spannend, ihm dabei zuzusehen und zu folgen.

Hier als Beispiel das Gedicht „Vor der Haustür“ (ich hoffe, lieber Ammann-Verlag, lieber Herr Kirsten, das geht für Sie beide in Ordnung):

manchmal morgens,
wenn ich vor die haustür trete,
den stadtrand noch stille anwandelt
für einen atemzug,
umfängt mich herzbeklemmend die fremde.
nichts kommt auf mich zu.
nichts werd ich kommen lassen
auf diesen abgetretnen gehwegplatten.

mein weltvertrauen setzt
auf jede postwurfsendung,
auf knüllpapier im schnittgerinne,
auf pflichtbewußtes anstandsgrün,
gezargt in kümmerwuchsrabatten.
eine fremde, kehlumspannend,
zaunentlang und mauerhin.
ein fremdling bin ich
mir selbst, landlos,
dorfverloren, ausgesandt,
das leben zu bestehn
am hauseck, an das die hunde pissen.

Buch der Woche: Julio Cortázar – Die Nacht auf dem Rücken

20. Juli 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Peter Nathschläger habe ich die Entdeckung Julio Cortázars zu verdanken. Peter empfahl mir mit großer Nachdrücklichkeit die Erzählungen „Die Nacht auf dem Rücken“, und da ich seinen Lektüreempfehlungen fast blind vertraue, musste ich mir dieses Buch natürlich sofort besorgen. Und ich habe es nicht bereut.

Vorweg: Ich bin ein großer Fan von Jorge Luis Borges, dem großen argentinischen Schriftsteller und Mitbegründer der lateinamerikanischen Phantastik. Sein fünfzehn Jahre jüngerer Landsmann Cortázar steht Borges hingegen um fast nichts nach. In sachlich-nüchternem Tonfall (ähnlich wie Borges) lässt er die Grenzen zwischen Realismus und Phantastik verschwimmen und stellt in seinen Erzählungen das Bild des Lesers auf den Kopf. Nichts ist, wie es scheint, alles ist möglich, und alles ist gefährlich. „Die Nacht auf dem Rücken“ vereint drei Sammlungen von Kurzgeschichten: „Das andere Ufer“ von 1945, „Bestiarium“ von 1951 und „Ende des Spiels“ von 1956 (in der erweiterten Fassung von 1964). Was alle drei Sammlungen vereint, ist eben dieses kurze Aufflackern des Magischen im Alltag, in Beziehungsgeflechten und Familiendramen. Was Cortázar von dem von mir so verehrten Borges unterscheidet (ohne dass ich darüber eine Wertung abgeben möchte) ist, dass die phantastischen Erzählungen von Borges zumeist von Außenseitern handeln, von Suchenden und Forschenden, manchmal auch von mythologischen Wesen selbst, während Cortázar seine Helden aus dem normalen Leben zieht: Ehefrauen und Geschäftsreisende, neugierige Kinder, milde Alte. Und seine Geschichten spielen im Bus, auf der Straße, in den Wohnungen, in Hotelzimmern, im Krankenhaus, in Schreibzimmern, auf Lesesofas und in öffentlichen Zoos. Das Magische, das Phantastische schleicht sich zumeist auf leisen Sohlen in die Geschichten.

Um ein paar einzelne Highlights herauszugreifen, die mir besonders imponiert haben:

In „Brief an ein Fräulein in Paris“ hat ein Mann, der sich in Buenos Aires in das Haus einer Dame, die gerade in Paris weilt, eingemietet hat, ein kleines, felliges Problem: Er spuckt Kaninchen. Das stört kaum, das kommt vor, so ist es nun mal. Aber dann geraten die Dinge doch ein wenig außer Kontrolle.

„Das Götzenbild von den Zykladen“ handelt von zwei Forschern, die im Urlaub eine schöne Entdeckung machen. Nur bricht langsam die alte Welt der Aztekengötter in ihr Leben hinein, und die Götter verlangen ihr Blutopfer.

Und wenn wir schon beim Thema Blutopfer und Azteken sind: In der beeindruckenden, titelgebenden Geschichte „Die Nacht auf dem Rücken“ hat ein bei einem Verkehrsunfall verunglückter Motorradfahrer seltsame Visionen, in denen er das Blutopfer eines aztekischen Rituals vor langer Zeit sein soll. Oder ist es vielleicht doch nicht so, wie es scheint? Den (absolut herausragenden) Twist am Ende verrate ich nicht, das wäre ein allzu übler Spoiler für alle, die das Buch lesen wollen.

In „Axolotl“ bekommt ein Mann beim Anblick eines solchen Lurchs ein schwerwiegendes Identitätsproblem.

Und schließlich meine Lieblingsgeschichte von all diesen herausragenden Texten: „Bestiarium“. Ein Mädchen soll den Sommer in der Familie der Verwandtschaft verbringen. Alles ist gut, und auch der Tiger, der in dieser Wohnung haust, ist kein Problem, wenn man weiß, in welchem Raum er sich gerade aufhält.

Diese fünf Texte sind nur Beispiele für den Einfallsreichtum des Julio Cortázar. Kein einziger Text in diesem Buch hat mich wirklich enttäuscht. Und alle sind sprachlich absolut herausragend. Nüchtern, auf den Punkt und mit einer Eleganz, wie sie fast nur Lateinamerikaner auf Papier bekommen.

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