Woran ich glaube

7. Januar 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Angesichts der tragischen Ereignisse, die heute in Paris stattfanden, reaktiviere ich meinen Blog wieder, der eigentlich ursprünglich ein reines Spaßprojekt war, um irgendwann überhaupt ins Vergessen zu versickern. So viel Unfassbares in den vergangenen Monaten auch passiert ist, diesmal aber fühle ich die Notwendigkeit, meine Empfindungen dazu niederzuschreiben. Vielleicht (= höchstwahrscheinlich) bleibt dies ein ungehörter Ruf in der Wüste. Dennoch ist es mir wichtig, meine Gedanken zu ordnen, zu strukturieren, vielleicht auch, weil ich anders nicht begreife, was gerade geschieht.

Heute wurde ein Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo verübt. Dabei kamen zwölf Personen ums Leben, elf weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Weltweit gibt es Solidaritätsbekundungen. Die Empörung wie auch der Schock sind enorm. Um die Opfer wird getrauert. Ich trauere ebenfalls um die zwölf Leben, die aufgrund eines solchen Irrsinns (im wahrsten Sinne des Wortes) heute erloschen sind.

Meine Gedanken gelten aber auch, und vielleicht noch mehr, den Tätern und der muslimischen Welt, die fassungslos wie wir vor den Trümmern steht, die verirrte Radikale in ihrem Namen hinterlassen haben. Es wäre jetzt ein Leichtes, mit dem Finger auf den Islam zu zeigen und zu sagen: Da sitzen die Bösen! Es ist vielleicht auch genau das, was manche von denen, die heute gemordet haben, erreichen wollten. Und es wäre so einfach, zu pauschalisieren. Denn natürlich war das heute nicht nur ein Angriff auf eine Zeitschrift, sondern ein Angriff auf uns, den Westen, also auch auf mich, auf dich, der du diesen Text liest, auf uns alle. Die Attentäter haben sich von uns und der Art und Weise, wie wir leben, provoziert gefühlt. Ich muss mir bloß ansehen, wie ich selbst lebe: Ich interessiere mich nicht für Politik, ich lebe auf meiner kleinen Insel. Mein Interesse gilt dem Lesen, dem Schreiben, Kinofilmen, Musik, meinen Katzen, meinen Freunden, mit denen ich auf unschuldige und kostspielige Städtetrips fahre. Ich lebe dekadent und ignorant, das muss ich ganz offen zugeben. Die meisten von uns, die durch die Geburt im Westen begünstigt wurden, leben dekadent und ignorant. Mehr noch: Wir spielen uns auf als Hüter der Moral, als Bewahrer der Demokratie. Unsere Werte oder keine. Und das, nachdem wir unsere eigenen blutigen Kreuzzüge geschlagen und unseren Glauben mit Blut besudelt haben. Kein Wunder, dass unser Leben auch als Provokation aufgefasst werden kann. Eben jene Attentäter von heute haben das zumindest so verstanden.

Ich habe Mitleid mit ihnen, die sie so verblendet, so irrsinnig einem Gedanken nachgeeifert sind, den sie nicht verstehen. Der Gedanke an einen rachsüchtigen Gott und eine Ordnung, die wiederhergestellt werden muss. Religion ist ungeheuer kompliziert und bietet gleichermaßen jenen, die nicht genau hinsehen, die nicht hinterfragen und nicht verstehen, so einfache Lösungen an. Das ist gefährlich. Und es wird noch gefährlicher, da wir mit unserem christlichen Glauben unaufhörlich in die gleiche Falle tappen. Gegen die Islamisierung des Abendlandes. Daham statt Islam. Es ist so einfach, Feindbilder zu haben. Pauschalisierungen bringen uns aber nicht weiter. Sondern Mitgefühl, besonders mit jenen, die uns Böses wollen. Sie tun dies nicht, weil sie schlechte Menschen sind. Sondern weil sie falschen, einfachen Lösungen nacheifern. Das hilft niemanden, der heute einen Angehörigen verloren hat, ich weiß. Das hilft niemanden, der selbst von diesem Irrsinn persönlich betroffen ist. Die Wut ist groß, und sie ist verständlich. Aber trotzdem: Wut, einfache Parolen und Pauschalisierungen sind das Streichholz an unserem Pulverfass.

Versteht mich nicht falsch, ich bin genauso erschüttert von dem Anschlag wie ihr auch. Ich trauere um die Toten und ich schäme mich heute dafür, ein Mensch zu sein. Es gibt Tage, an denen ich es nicht sein möchte. Heute ist ein solcher Tag. Aber ich möchte mich nicht von Hass und Wut lenken lassen. Denn diese Gefühle zerstören das, woran ich selbst (als Agnostiker) glaube: Dass ich ein guter Mensch sein kann und soll. Dass diese Welt irgendwann gut und gerecht sein kann für alle, die in ihr leben.

Wir müssen uns dringend an das erinnern, was uns Moslems, Christen, Juden, Buddhisten, was auch immer, vereint und das überbrücken, was uns trennt. Im Kern haben alle Religionen die gleiche Botschaft für uns: Seid menschlich. Habt Verständnis füreinander. Seid für eure Mitmenschen da. Seid gut zueinander.

Ich wünschte, die Attentäter von heute hätten nicht nur an ihren Gott geglaubt, sondern ihn auch verstanden. Für sie ist es zu spät. Aber für uns Andere, die nun bestürzt auf die Ereignisse von Paris blicken, nicht. Wir haben die Wahl. Wir können mit Wut und Empörung reagieren und die einfachen Lösungen verfolgen, die simplen Parolen schreien und pauschale Urteile fällen. Das macht uns nicht besser als jene, die heute gemordet haben. Oder aber wir besinnen uns auf das, was uns vereint: den Glauben an die Menschlichkeit.

Das geht uns alle etwas an. Jeder für sich muss diese Wahl treffen. Meine Bitte: Seid weise bei eurer Entscheidung. Seid mitfühlend und seid menschlich.

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