Jahresrückblick 2013: Meine Top10 der Bücher

28. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Während es mit den Top50 meiner persönlichen Songs 2013 noch länger weitergeht, gibt’s jetzt zwischendurch mal einen Jahresrückblick, was meine Lektüre betrifft. Insgesamt habe ich (exklusive Sach- und Fachbücher, die sich bei mir allerdings immer in Grenzen halten) 35 Bücher im Jahr 2013 gelesen. Ein bisschen was für die Statistiker: 25 davon waren von männlichen Autoren geschrieben, 10 von weiblichen. 27 habe ich auf Deutsch gelesen, 8 auf Englisch. Der Löwenanteil, nämlich 30 Bücher, ließ sich wieder der Gattung Prosa zuordnen, 4 der Lyrik und eines der Dramatik. 32 Bücher habe ich zum ersten Mal gelesen, immerhin 3 zum wiederholten Male.

Wie immer, wenn man sich auf eine Top10-Liste beschränkt, bleiben viele großartige Bücher auf der Strecke. In diesem Fall hat es mit Dostojewskis „Schuld und Sühne“ einen absoluten Klassiker erwischt, „Trommeln vom anderen Ufer des großen Flusses“ von Richard Schuberth, diese herrliche Satire, die mir Lachtränen beschert hat, den eindrucksvollen Roman „Der Überdruss“ von Mo Yan, den neuesten King „Doctor Sleep“ und Cordula Simons tolles Debüt „Der potemkinsche Hund“, um nur einige zu nennen. Auch die vier Lyrikbücher schafften es nicht in die Liste, auch wenn ich bei den gesammelten Werken von Tucholsky und Doris Runges „zwischen tür und engel“ immerhin lange überlegt habe. Aber so ist das mal. Hier heißt es nicht „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“, sondern „Nur das Beste vom Besten“. Und hier sind sie nun, meine Top10, nach dramatischer Ankündigung:

1. Stephen King – Joyland

Wohl eine kleine Überraschung auf dem höchsten Treppchen, denn „Joyland“ war wohl für die meisten Fans eine Art Übergangsbuch, bis die lang ersehnte Fortsetzung zu „The Shining“, „Doctor Sleep“, erscheint. Ich selbst habe dieses Buch aber heiß geliebt. „Joyland“ ist eine wunderbar melancholische Geschichte über das Erwachsenwerden, über Verlust, über Freundschaft – ein warmherziges Buch mit tollen Charakteren. Manchmal sind es die leisen Zwischenspiele, die einem den Atem rauben.

2. Christoph Ransmayr – Atlas eines ängstlichen Mannes

Ransmayrs Reiseminiaturen erzählen mehr vom Reisenden selbst als über die besuchten Orte. Es sind Vermessungen der Seelenlandschaft, die der große österreichische Schriftsteller hier anbietet. Jede Episode beginnt mit „Ich sah …“, aber am Ende steht zwischen den Zeilen immer ein „Ich fühlte …“ oder ein „Ich begriff …“ – im Reisen entdeckte Ransmayr sich selbst, und die Art und Weise, wie er den Leser diese Erlebnisse nachfühlen und zu eigenen Erfahrungen werden lässt, ist ganz große Kunst.

3. Julio Cortázar – Die Nacht auf dem Rücken

Der Argentinier Cortázar, der in seinen Kurzgeschichten immer wieder an einen weiteren argentinischen Meister erinnert, Jorge Luis Borges nämlich, wurde mir von einem Freund empfohlen. Und ich bin ihm unendlich dankbar dafür, denn sonst wäre mir dieser grandiose Schriftsteller vielleicht für immer entgangen. Cortázar spielt mit fantastischen Elementen, die er wohl dosiert einsetzt in einer sehr präzisen Prosa, um den Menschen dahinter aufzuspüren.

4. F. Scott Fitzgerald – The Great Gatsby

Rechtzeitig bevor Baz Luhrmann’s Verfilmung in die Kinos kam, habe ich den Gatsby gelesen. Und was soll ich sagen? Die pompöse filmische Umsetzung musste zwangsläufig scheitern, da das Buch selbst eigentlich eine großartige, bissige, zynische Satire ist, die von subtilen Zwischentönen lebt und nur dank Fitzgeralds spitzzüngiger Prosa funktionieren kann.

5. Nina George – Das Lavendelzimmer

Nina George hat selbst ihren Roman als „Trostbuch“ bezeichnet. Und diese Einschätzung kann ich nur voll und ganz unterschreiben. „Das Lavendelzimmer“ ist ein Buch, das den Leser genau im Herzen trifft. Es ist ein Buch, bei dem man sich Zeile für Zeile vorantastet, jedes Wort begierig aufsaugend, denn man möchte keine Frage verpassen, die Nina George zwischen den Zeilen immer wieder an den Leser stellt. Es ist ein Buch, das nur für mich geschrieben wurde. Und für jeden einzelnen anderen Leser auch.

6. Roberto Bolaño – Die wilden Detektive

Roberto Bolaño hat sich in den letzten Jahren zu einem meiner Lieblingsschriftsteller entwickelt, und das mit bisher erst drei Büchern, die ich von ihm gelesen habe: „2666“, „Amuleto“ und eben „Die wilden Detektive“. Worum geht es in diesem Buch eigentlich? Ehrlich – ich habe bis heute noch keine Ahnung. Mexikaner verloren in Mexiko. Junge Studenten und Literaten, die irgendwo in der Geschichte (Mexikos / des Romans) verschwinden und zu Schatten werden, die man einfach nicht greifen kann. Ein wildes, lustvolles Spiel mit der Sprache, mit der Geschichte und mit Geschichten.

7. Julian Barnes – The Sense of an Ending

Am Anfang hatte ich wohl so meine Schwierigkeiten, in die (kurze) Geschichte hineinzufinden. Barnes lässt sich trotz aller Präzision und Knappheit durchaus Zeit, bis er zum Punkt kommt, um den es ihm eigentlich geht. Aber was für ein Knaller ist das Ende! Ein Buch, das völlig neue Fragen aufwirft über das eigene Erinnerungsvermögen. Nach der Lektüre dieses Romans beginnt man, sich selbst zu misstrauen.

8. J.M. Coetzee – The Childhood of Jesus

Wie könnte es auch anders sein: Der neue Roman von Coetzee ist rätselhaft und hat gleich mehrere Falltüren und doppelte Böden. In einem nicht näher definierten Land, das nach völlig anderen Wertesystemen der Zwischenmenschlichkeit aufgebaut ist als wir es kennen, versuchen zwei Flüchtlinge (Flüchtlinge wovor?), ein älterer Mann und ein fünfjähriger Junge, sich an diese neue und für sie fremde Gesellschaft anzupassen. All die Fragen, die der Roman aufwirft, in diesen wenigen Zeilen anzureißen, ist schlicht unmöglich. Daher ein ganz simpler Ratschlag: Lest das Buch!

9. Vladimir Nabokov – Lolita

Der Roman hat zwar seine Längen, aber dafür bietet er mit Abstand die geschliffenste, faszinierendste und auch zynischste Prosa, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Und man mag inhaltlich zu dem Buch stehen, wie man will, aber man muss anerkennen, dass Nabokov ein herausragender Schriftsteller war. Wenn ich nur eine Zeile zustande brächte, die es mit seiner Prosa aufnehmen kann, hätte ich mehr erreicht als viele veröffentlichte und gefeierte Schriftsteller.

10. Anna Koschka – Mohnschnecke

Wann ist ein Happy End zu Ende, und wie heißt es dann? „Mohnschnecke“ ist die Fortsetzung von „Naschmarkt“, dem herrlich zeitgemäßen, gewitzten, witzigen und lebensklugen Roman rund um die Literaturrezensentin, Bloggerin und überzeugte Plutzkatzensinglefrau Dotti Wilcek. Dass ein Happy End nicht immer das Ende der Geschichte bedeuten muss, zeigt Anna Koscha (das Pseudonym der Wiener Autorin Claudia Toman) in ihrem neuesten Roman sehr eindrucksvoll. Denn wie auch Tucholsky in seinem Gedicht „Danach“ bemerkt hat: „Es wird nach einem Happy End / im Film jewöhnlich abjeblendt“. Danach geht es allerdings weiter, das Leben ist damit nicht zu Ende, und manchmal muss man erst noch eine Extrarunde drehen um zu erkennen, was wichtig ist.

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