Buch der Woche: Robert Seethaler – Der Trafikant

16. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Heute gibt’s mal wieder einen Tipp aus der heimischen Küche: Robert Seethalers seitenzahlmäßig, aber nicht inhaltlich schmalen Roman „Der Trafikant“.

Worum geht’s? Im Jahr 1937 fährt der siebzehnjährige Franz Huchel aus seinem Dorf in Oberösterreich nach Wien, um in der Trafik seines Onkels Otto Trsnjek mitzuarbeiten und sich auf diese Weise selbst zu versorgen, nachdem der Liebhaber der Mutter das Zeitliche gesegnet hat und diese nun auf sich allein gestellt ist. Er lernt Otto Trsnjek als etwas eigenbrötlerischen, manchmal vielleicht auch mürrischen, aber herzensguten und aufrichtigen Mann kennen, der seine Kunden kennt wie sonst niemand. In seinem Leben hat er schon viele Höhen und Tiefen durchmachen müssen, im Ersten Weltkrieg hat er ein Bein verloren, und mit der Trafik hält er sich auch gerade mal so über Wasser.

Franz lernt sich ein. Er liest Zeitungen, wird dadurch empfänglicher für die Wirrungen der Weltgeschichte, die um ihn herum toben, und er lernt die Kunden kennen. Einer davon ist Sigmund Freud. Und da das Leben in der Großstadt halt nicht so einfach ist, und Verführungen durch die Liebe in Form einer etwas rundlichen, reschen Böhmin auf ihn warten, wendet er sich schon bald an den weltberühmten Psychoanalytiker. Die beiden schließen eine respektvolle, lose Freundschaft, und es zeigt sich bald, dass auch der betagte Doktor recht schnell mit seinem Latein am Ende ist, wenn’s um die Liebe und das Zeitgeschehen geht. 1938 dämmert heran, und inmitten der Freundschaft mit Dr. Freud oder der Liebe zu der wie ein Blatt im Wind treibenden Anezka, wird Franz mitgerissen vom Wahnsinn seiner Zeit. Der Onkel wird verschleppt, weil er pornographische Hefte unter der Hand an Juden verkauft hat. Franz wird offiziell zum neuen Trafikanten erklärt. Und damit zum Mann, der auch Entscheidungen treffen muss.

Robert Seethalers Roman hat mich von der ersten Seite an überzeugt. Die Sprache des Buchs ist der Zeit angemessen, lässt aber sehr viel Witz und auch Sarkasmus durchscheinen. Ohne dabei seine Helden zu schonen, seziert Seethaler die gesellschaftlichen Spannungen Ende der Dreißiger in Österreich und macht den Schrecken auf subtile Weise durch die Augen eines siebzehnjährigen Bauernjungen greifbar. Ein klein wenig fühlte ich mich durch diese Herangehensweise an „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertesz erinnert. Dadurch, dass die Welt aus der Sicht eines Außenstehenden, eines vielleicht auch nicht ganz Begreifenden geschildert wird, wird der Leser dazu gezwungen, genauer hinzuschauen. Es sind die kleinen Dinge, die in diesem Roman eine große Bedeutung bekommen. Dass es vordergründig um eine Liebesgeschichte und eine Freundschaft geht, macht den Roman so extrem authentisch. Er versucht nicht, mit erhobenem Zeigefinger anzuprangern, sondern er begnügt sich damit, beiläufig zu schildern. Und das macht die Geschichte glaubwürdig und den Leser empfänglicher für den eigentlichen Kontext des Buchs.

Einzig und allein ein bisschen mehr Sigmund Freud hätte ich mir gewünscht. Die Szenen, in denen der junge Franz Huchel aus Oberösterreich mit dem großen, aber schon etwas lebensmüden Analytiker zusammen sitzt um über die Liebe und die Frauen zu plaudern, sind absolut großartig und haben Verve und Witz. Davon hätte ich gern mehr gelesen. Aber auch so gibt’s von mir für diesen Roman eine glasklare Leseempfehlung.

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