Buch der Woche: Roberto Bolaño – Die wilden Detektive

5. September 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Nach einer kleinen Pause geht es nun wieder weiter mit dem „Buch der Woche“. Dass diese Pause überhaupt entstand, liegt auch an dem aktuellen Buch der Woche selbst, hat mich Roberto Bolaños „Die wilden Detektive“ nun knapp ein Monat lang begleitet. 770 irrwitzige, opulente, multiperspektivische, mit dem Leser spielende, falsche Fährten legende und aberwitzig komische Seiten müssen erst einmal aufmerksam gelesen werden.

Worum geht es also in jenem Roman, mit dem Roberto Bolaño Kritikerlob und Preise einheimste, bevor er posthum mit „2666“ einem breiteren Publikum bekannt wurde? Nun, es beginnt mit den Tagebuchaufzeichnungen des siebzehnjährigen Studenten Juan Garcia Madero, der in Mexiko City sein Studium im jugendlichen Leichtsinn einfach sein lässt und sich der nebulösen Dichtergruppe der Realviszeralisten anschließt rund um die kaum greifbaren und ziellosen Dichter Ulises Lima und Arturo Belano (das literarische Alter Ego von Bolaño selbst). In der Gruppe der Dichter findet Garcia Madero Akzeptanz und seine ersten erotischen Abenteuer. Der junge Student wird zum Dandy, lässt sich treiben und nicht von ungefähr heißt dieser launige erste Teil „Mexikaner, verloren in Mexiko“. Die Handlung spielt hier zwischen November und Ende Dezember 1974. Das Tagebuch endet mit dem Jahreswechsel und einer wilden Flucht von Garcia Madero, Lima und Belano, die sich irgendwie durch eine gefährliche Mischung aus Enthusiasmus und Übermut in die Bredouille geritten haben.

Was dann folgt, ist ein Versteckspiel rund um den Verbleib und weiteren Lebenslauf von Lima und Belano. Hier kommen nun die „wilden Detektive“ ins Spiel. Menschen, die auf Lima und Belano im Laufe ihres Lebens getroffen sind, oder zumindest auf andere Menschen, die Anknüpfungspunkte an die beiden Dichter bieten, melden sich in kurzen Erzählungen zu Wort. Und so entsteht auf etwa 600 Seiten ein vielstimmiger Chor, der alles und nichts über die beiden Dichter weiß. Man hat sie in Wien gesehen, in Tel Aviv, in Barcelona, in Lissabon, in Afrika, natürlich in Mexiko City, sie waren mal hier, mal dort, mal gemeinsam, mal ist nur einer der beiden greifbar, und die beiden Anführer der Realviszeralisten werden zunehmend zu Schatten. Alles ist plötzlich fraglich. Es gibt keine sicheren Informationen mehr. Und bleiben die tatsächlichen Lebensumstände im Großen und Ganzen im Dunkeln. Als Leser kann man sich schließlich so etwas wie eine Biographie zusammenreimen (der Roman geht bis 1996), aber wie es eben so oft ist mit Biographien, gibt es Lücken, Unplausibilitäten, Übertreibungen und gefärbte Erinnerungen. Das Leben ist eben nicht so einfach greifbar.

Am Ende folgt noch einmal ein kurzer Auszug aus dem Tagebuch des Juan Garcia Madero von Jänner 1975. Hier blickt der Leser das letzte Mal Lima und Belano nach, wie sie in der Wüste von Sonora im Staub entschwinden. Und alles, was bleibt und womit das Buch auch endet, ist ein Rätsel.

Nachdem ich Roberto Bolaños Roman gelesen habe, fühle ich mich – was mein eigenes Schreiben betrifft – wie der matschigste Maulwurfshügel neben dem Mt. Everest. Bolaños Sprache ist unverschämt gut, was sich vor allem in dem vielstimmigen Mittelteil zeigt. Dazu kommt ein Detailwissen und Faktenwissen, das jeden Universitätsprofessor in dessen Fachbereich zu Ehre reichen würde, und eine Fabulierkunst und erzählerische Kraft, die einen regelrechten Sog entwickelt, wenn man sich erst einmal auf dieses Experiment der indirekten Berichte eingelassen hat. Zudem gibt es Parallelen und Querverbindungen zu entdecken zu anderen Werken Bolaños, zu „2666“ und „Amuleto“ (die beiden Romane, die ich schon von ihm gelesen habe), und man merkt, dass alles in Bolaños Schaffen Teil eines großen Ganzen, eines literarischen Universums ist, in dem es Falltüren und Spiegel gibt und keine Sicherheiten mehr, weder für den Autor noch für den Leser. Und das ist verflucht großartig!

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