Buch der Woche: Mo Yan – Der Überdruss

12. August 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Mein Buch der Woche ist das erste Werk des letztjährigen Literaturnobelpreisträgers, das ich gelesen habe. Und ich denke, es wird nicht das letzte bleiben.

In dem mit 800 Seiten sehr üppigen Roman „Der Überdruss“ (genial finde ich ja den englischen Titel: „Life And Death Are Wearing Me Out“) zeichnet Mo Yan 50 Jahre chinesische Geschichte nach, von der Landreform 1950 bis zum neuen Millennium. Die Grundidee, auf die das Buch fußt, ist pfiffig: Der Grundbesitzer Ximen Nao wird im Zuge der Landreform erschossen und findet sich in der Unterwelt wieder. Nach zwei Jahren gelingt es ihm schließlich, den Unterweltfürsten Yama davon zu überzeugen, dass er unschuldig gestorben sei und eine Wiedergeburt verdient hätte. Yama lässt sich darauf ein, aber natürlich nicht auf die Weise, wie Ximen Nao hofft. Der ehemalige Grundbesitzer findet sich nämlich zwar in seinem Dorf wieder, allerdings im Körper eines Esels. Und darin muss er nun Mao Zedongs „großen Sprung nach vorne“ mitmachen, bis er der Hungersnot zum Opfer fällt. Weiter geht es mit den Wiedergeburten als Stier und als Schwein, immer an seinem ehemaligen Hof, der mittlerweile seinem früheren Knecht Lan Lian gehört. Dieser behauptet sich in einer Zeit der Kollektivierung als einziger Privatwirtschafter weit und breit und ist so vielen ein Dorn im Auge. Ihm treu ergeben: Ximen Nao als Ximen Esel, Ximen Stier und Ximen Schwein. Doch es soll noch zwei weitere Reinkarnationen dauern, bis Ximen Nao wieder als Mensch auf die Welt kommt.

Ich habe in diesem Buch sehr viel über die Entwicklung Chinas unter Mao Zedong gelernt, was über die wenigen Brocken, die man aus dem Geschichtsunterricht kennt, hinausgeht. Was mir Mo Yan mit seinem breit angelegten Roman sehr gut vermittelt hat, ist ein Eindruck vom ländlichen Leben während dem großen Sprung nach vorne und der Kulturrevolution.

Stilistisch ist das Buch eine Herausforderung, da sich (das letzte Kapitel inkludiert) gleich drei Erzähler um die Geschichte streiten, nämlich einmal der wiedergeborene Ximen Nao in seinen verschiedenen Tier-Reinkarnationen, dann Lan Jiefang, der Sohn von Lan Lian und zu guter Letzt auch noch Mo Yan, der ansonsten als groteske Nebenfigur immer wieder durch den Roman huscht, selbst. Auch an den Satzstellungen, am Erzähltempo, an diversen Wiederholungen und Straffungen merkt man, dass man als Leser die westliche Literatur verlassen hat und sich wiederfindet in einer gänzlich anderen Weise, wie Geschichten erzählt werden können. Ich musste mich als Leser erst einmal in den ganz speziellen Rhythmus der Geschichte reinfinden. Sobald das aber gelungen war, hatte ich meinen wortwörtlich tierischen Spaß mit dem Roman. Denn Mo Yan beweist auch viel Humor, ohne aber dabei Gefahr zu laufen, mit dem Weichzeichner zu arbeiten. Es geht mitunter auch sehr derb zu in diesem Roman und manchmal auch sehr grauslich.

Auf jeden Fall eine Lektüre, die man sich zwar erarbeiten muss, die aber absolut empfehlenswert ist. Ich kann durchaus nachvollziehen, warum man auf die Idee kommt, diesem (mir vorher unbekannten) Autoren den wichtigsten Literaturpreis unserer Zeit zu verleihen.

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