Buch der Woche: Julio Cortázar – Die Nacht auf dem Rücken

20. Juli 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Peter Nathschläger habe ich die Entdeckung Julio Cortázars zu verdanken. Peter empfahl mir mit großer Nachdrücklichkeit die Erzählungen „Die Nacht auf dem Rücken“, und da ich seinen Lektüreempfehlungen fast blind vertraue, musste ich mir dieses Buch natürlich sofort besorgen. Und ich habe es nicht bereut.

Vorweg: Ich bin ein großer Fan von Jorge Luis Borges, dem großen argentinischen Schriftsteller und Mitbegründer der lateinamerikanischen Phantastik. Sein fünfzehn Jahre jüngerer Landsmann Cortázar steht Borges hingegen um fast nichts nach. In sachlich-nüchternem Tonfall (ähnlich wie Borges) lässt er die Grenzen zwischen Realismus und Phantastik verschwimmen und stellt in seinen Erzählungen das Bild des Lesers auf den Kopf. Nichts ist, wie es scheint, alles ist möglich, und alles ist gefährlich. „Die Nacht auf dem Rücken“ vereint drei Sammlungen von Kurzgeschichten: „Das andere Ufer“ von 1945, „Bestiarium“ von 1951 und „Ende des Spiels“ von 1956 (in der erweiterten Fassung von 1964). Was alle drei Sammlungen vereint, ist eben dieses kurze Aufflackern des Magischen im Alltag, in Beziehungsgeflechten und Familiendramen. Was Cortázar von dem von mir so verehrten Borges unterscheidet (ohne dass ich darüber eine Wertung abgeben möchte) ist, dass die phantastischen Erzählungen von Borges zumeist von Außenseitern handeln, von Suchenden und Forschenden, manchmal auch von mythologischen Wesen selbst, während Cortázar seine Helden aus dem normalen Leben zieht: Ehefrauen und Geschäftsreisende, neugierige Kinder, milde Alte. Und seine Geschichten spielen im Bus, auf der Straße, in den Wohnungen, in Hotelzimmern, im Krankenhaus, in Schreibzimmern, auf Lesesofas und in öffentlichen Zoos. Das Magische, das Phantastische schleicht sich zumeist auf leisen Sohlen in die Geschichten.

Um ein paar einzelne Highlights herauszugreifen, die mir besonders imponiert haben:

In „Brief an ein Fräulein in Paris“ hat ein Mann, der sich in Buenos Aires in das Haus einer Dame, die gerade in Paris weilt, eingemietet hat, ein kleines, felliges Problem: Er spuckt Kaninchen. Das stört kaum, das kommt vor, so ist es nun mal. Aber dann geraten die Dinge doch ein wenig außer Kontrolle.

„Das Götzenbild von den Zykladen“ handelt von zwei Forschern, die im Urlaub eine schöne Entdeckung machen. Nur bricht langsam die alte Welt der Aztekengötter in ihr Leben hinein, und die Götter verlangen ihr Blutopfer.

Und wenn wir schon beim Thema Blutopfer und Azteken sind: In der beeindruckenden, titelgebenden Geschichte „Die Nacht auf dem Rücken“ hat ein bei einem Verkehrsunfall verunglückter Motorradfahrer seltsame Visionen, in denen er das Blutopfer eines aztekischen Rituals vor langer Zeit sein soll. Oder ist es vielleicht doch nicht so, wie es scheint? Den (absolut herausragenden) Twist am Ende verrate ich nicht, das wäre ein allzu übler Spoiler für alle, die das Buch lesen wollen.

In „Axolotl“ bekommt ein Mann beim Anblick eines solchen Lurchs ein schwerwiegendes Identitätsproblem.

Und schließlich meine Lieblingsgeschichte von all diesen herausragenden Texten: „Bestiarium“. Ein Mädchen soll den Sommer in der Familie der Verwandtschaft verbringen. Alles ist gut, und auch der Tiger, der in dieser Wohnung haust, ist kein Problem, wenn man weiß, in welchem Raum er sich gerade aufhält.

Diese fünf Texte sind nur Beispiele für den Einfallsreichtum des Julio Cortázar. Kein einziger Text in diesem Buch hat mich wirklich enttäuscht. Und alle sind sprachlich absolut herausragend. Nüchtern, auf den Punkt und mit einer Eleganz, wie sie fast nur Lateinamerikaner auf Papier bekommen.

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