Buch der Woche: Kurt Tucholsky – Gedichte

8. Juni 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Nachdem ich vergangene Woche diese Rubrik zeitbedingt aussetzen musste, gibt’s heute wieder ein Buch der Woche. Diesmal: Die gesammelten Gedichte von Kurt Tucholsky, erschienen im Rowohlt Verlag. Tucholsky veröffentlichte zwischen 1911 und 1932 unter verschiedenen Pseudonymen recht streitbare, hauptsächlich politische Gedichte, die mit spitzer Zunge und feinem Wortwitz die Lage der Nation kommentierten. Und er hatte einiges zu kommentieren: Einen Weltkrieg, Rezessionen bis hin zu Weltwirtschaftskrisen und am Ende den Nationalsozialismus, dessen ungeheure dunklen Kräfte er schon ein Jahrzehnt zuvor vorausgesehen hatte. Daneben gab es den Lebemenschen, den Lustmenschen Tucholsky, der sich augenzwinkernd dem zwischenmenschlichen Infight zwischen Mann und Frau verschrieb.

Die meisten seiner Gedichte nehmen unmittelbar Bezug auf Ereignisse und Persönlichkeiten der damaligen Zeit und sind von daher nicht unbedingt in allen Details verständlich aus heutiger Perspektive. Die große Botschaft, die dahinter steckt, jene Botschaft von Mitmenschlichkeit, Pazifismus und Demokratie, wird aber auch ohne diesem Detailwissen ersichtlich. Auch wenn über 800 Seiten (meist politische) Gedichte durchaus auch ermüden können, so lohnt es sich dennoch, sie auch heute noch zu lesen. Ihre Strahlkraft haben sie nicht verloren.

Hier drei meiner Lieblingsgedichte, die diese Facetten des großen, humorvollen, lustvollen und streitbaren Lyrikers Tucholsky zeigen.

Warten im Speisehaus (1912)

Warum ist es so schön, zu warten? -
Die Leute gehen und kommen und schwatzen,
Die Trinker schlürfen, die Esser schmatzen -
Und du weißt, sie kommt.

Die Tür geht auf, ein Offizier
Kommt herein - er hat Hunger wie wir,
Hängt seinen Säbel an die Wand
Und hebt die weiße Lederhand -
Und du weißt, sie kommt.

Jeden Augenblick
Fliegt die Glastür auf, fliegt wieder zurück
Fremde Menschen gehen aus ein und ein,
Wann wird sie es sein?

Aber du bist so ruhig dabei,
Denn noch zwei Minuten oder drei -
Und nachdem du dich noch ein bißchen gedehnt hast -
Tritt die ein,
Nach der du dich so gesehnt hast.


Meeting (1921)

Das ist nun so.
          Je freier und je nackter,
je mehr enthüllt das Herz sich. Offen liegt
beim Boxen und beim Lieben der Charakter
des Partners, der dich hüllenlos besiegt.

Die Trainer schreien. "Zeit!" Ihr streckt die Hände.
Ihr seid ein Knäul. Ein Wille. Ein Duett.
Die strengen Regeln treibens bis zum Ende
beim Boxen, liebe Frau, und auch im Bett.

Wie schön zu kämpfen und sich zu umfassen.
Da noch ein Druck und da ein Untergriff.
Und dann betäubt sich leise treiben lassen ...
Der Richter gibt den ersten Pausenpfiff.

Der nächste Gang. So gib, du, gib dein Letztes.
Ich fühle lebensnahe, glatte Haut ...
Aus Tiefen springt dein Herzblut, und dann netzt es
mich weich - wie bist du mir vertraut!

Wo bist du, Welt?
          Die Erde soll versinken.
Es hüllt der Kampf uns, tief bewußtlos, ein.
Und meine trocknen Lippen wollen trinken.
Ich hasse dich. Doch du mußt bei mir sein.

Die Gruppe löst sich.
          Und die Trainer wettern.
Der Richter winkt. Das Publikum kann gehen.
Und morgen stehts in allen großen Blättern:
"Jolanthe/Tiger -
          Ausgang: 10 zu 10."


Ideal und Wirklichkeit (1929)

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
     Du präparierst dir im Gedankengange
     das, was du willst - und nachher kriegst dus nie ...
     Man möchte immer eine große Lange,
     und dann bekommt man eine kleine Dicke -
          C'est la vie -!

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig - und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt ...
     Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
     der Eile und der Phantasie.
     Man möchte immer eine große Lange,
     und dann bekommt man eine kleine Dicke -
          Ssälawih -!

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
und kauft die dunkle - andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah ... beinah ...
     Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
     an eine Republik ... und nun ists die!
     Man möchte immer eine große Lange,
     und dann bekommt man eine kleine Dicke -
          Ssälawih -!
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