Buch der Woche: Mario Vargas Llosa – Briefe an einen jungen Schriftsteller

9. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Ratgeber sind immer mit Vorsicht zu genießen, vor allem, wenn es sich um Ratschläge zum Schreiben handelt. Ich bin der Meinung, dass man nicht lernen kann, ein guter Schriftsteller zu werden. Man kann lernen, eine Sprache zu beherrschen, aber das allein reicht noch nicht aus, um kunstvoll und in einem eigenen Stil eine Geschichte erzählen zu können. Ratgeber, die dem Leser einreden wollen, dass das jede/r nach einem gewissen Schema lernen kann, betrachte ich skeptisch.

Was ich allerdings gern lese: Wenn Menschen, die offenkundig Ahnung vom Schreiben haben, ihre Ansichten und Einsichten weitergeben. So habe ich mit Genuss schon Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“ sowie James Woods „Die Kunst des Erzählens“ gelesen. Beide belehren nicht, sondern erzählen lediglich – Stephen King, wie er seine Romane schreibt, und James Wood, was er durchs Lesen herausgefunden hat. Aus beiden Büchern kann man eine Menge anregender Gedanken übers Schreiben mitnehmen.

Ein weiteres Buch, das sich nun in diese Reihe stellt, ist Mario Vargas Llosas „Briefe an einen jungen Schriftsteller“, das mir Peter Nathschläger dankenswerterweise empfohlen hat. In diesem schmalen Buch richtet sich der Literaturnobelpreisträger in zwölf Briefen an einen (fiktiven) Nachwuchsschriftsteller, der von ihm wissen möchte, wie man Romane schreibt. Spannend ist, dass sich Vargas Llosa zunächst einmal recht intensiv mit der Frage beschäftigt, was es überhaupt bedeutet, Schriftsteller zu sein. Auflehnung gegen die Realität und totale Unterordnung gegenüber den Geschichten, die an die Oberfläche drängen – so etwas knapp zusammengefasst seine Meinung dazu. Man merkt: Der Mann kennt keine Kompromisse in dieser Frage. Umso schöner, dass er anschließend, wenn es um eingesetzte Techniken und Stilfragen geht, darauf aufmerksam macht, dass es hier keinen Königsweg gibt. Die einzig entscheidende Frage ist, ob der Roman Überzeugungskraft besitzt. Und diese Überzeugungskraft stammt nicht aus einem sklavischen Abarbeiten von Stilregeln, sondern manchmal auch aus dem (bewussten) Bruch dieser Regeln heraus. Wenn es bei Stephen Kings Monumentalepos „Der dunkle Turm“ heißt: „Alles dient dem Balken“, so heißt es bei Vargas Llosa übertragen: „Alles dient der Überzeugungskraft“. Und damit ist das Schreiben von Romanen für ihn grundsätzlich erklärt.

Die Techniken, die er in seinen Briefen vorstellt, umfassen Stil, Erzähler, Raum, Zeit, Realitätsebenen, Wechsel, unterschlagene Informationen, kommunizierende Röhren und chinesische Kästchen. Damit hat man alles bei der Hand, was für einen Roman mit hoher Überzeugungskraft notwendig ist. Alles ist sehr klar und präzise umrissen, auch wenn man sich als Leser manchmal etwas mehr Beispiele gewünscht hätte. Vargas Llosa verweist eher auf Romane als dass er konkrete Beispiele aus diesen Werken bringt. Aber das ist auch schon das einzige kleine Minus dieses Buchs. Ansonsten eine ganz klare Empfehlung. Knapper aber dabei gleichzeitig anregender hat wohl noch kaum jemand über das Schreiben geschrieben.

Sein wertvollster Tipp kommt aber ganz am Ende im PS: „Lieber Freund, Sie sollten alles vergessen, was Sie in meinen Briefen über die Romanform gelesen haben, und endlich anfangen, Romane zu schreiben.

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