Buch der Woche: Roberto Bolaño – 2666

29. März 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Mein Buch der Woche ist ein gigantisches, mit über 1.000 Seiten immer noch unvollendetes Mammutwerk, das auch in dieser fragmentarischen Rohfassung als Meilenstein in der literarischen Landschaft steht, nicht nur jener der Postmoderne, sondern allgemein: Roberto Bolaños „2666“. Zugegeben, es ist eine Weile her, dass ich diesen Roman gelesen habe, aber da er nach wie vor widerhallt und meine Gedanken auch zwei Jahre nach dem Lesen immer wieder dorthin zurückkehren, ist er ein würdiges Buch der Woche.

Worum geht’s? Das ist schon mal schwer zu sagen. Der Roman ist in fünf, nur lose aneinander anknüpfende Teile untergliedert.

Im „Teil der Kritiker“ lernen wir vier Germanisten aus unterschiedlichen Ländern Europas kennen, die allesamt den Spuren eines mysteriösen Schriftstellers folgen, der als Benno von Archimboldi bedeutende, aber von der Masse unbeachtete Romane veröffentlicht hat. Auf der Suche nach jenem Archimboldi verstricken sich die vier Germanisten in den Beziehungen untereinander, immer mehr greift die Lust und greift das „niedere“ Verlangen in den Elfenbeinturm der Wissenschaft ein.

Der „Teil von Amalfitano“ ist der kürzeste Teil des Buchs. Der Philosophieprofessor Amalfitano, der mit seiner Tochter Rosa in der nordmexikanischen Grenzstadt Santa Teresa lebt, die von einer abscheulichen Frauenmordserie heimgesucht wird, hat Vorahnungen eines herannahenden Verhängnisses.

Im dritten Teil, im „Teil von Fate“ geht es um einen Journalist aus New York, der anlässlich eines Boxkampfes nach Santa Teresa, diesem unheimlichen geographischen Mittelpunkt des Romans, reist. Dort lernt er Rosa Amalfitano kennen. Gemeinsam flüchten sie nach einer seltsamen und bedrohlichen Nacht über die Grenze in die USA.

Der vierte Teil schließlich, der „Teil von den Verbrechen“, ist in gewisser Weise das brutale Herzstück des Romans. Die Frauenmorde von Santa Teresa werden hier chronologisch und mit kalter Präzision aus der Sicht der polizeilichen Ermittlungen abgearbeitet. Über 300 Seiten lang werden Hunderte Frauenmorde detailliert und gleichzeitig kaltblütig distanziert geschildert. Dazu kommt das blinde Tappen der Polizei, die akribische Suche, die zu nichts führt. Ein Mann wird beschuldigt, er kann es nicht gewesen sein, die Morde gehen weiter. Und doch muss etwas passieren.

Der „Teil von Archimboldi“ wendet sich am Schluss der Lebensgeschichte jenes legendenumrankten Schriftstellers zu, mit dem der Roman angefangen hat. Die Biografie von Archimboldi, der in Wahrheit Hans Reiter heißt, wird präzise aufgeschlüsselt. Am Ende ist der Leser wieder in Santa Teresa.

Die Zusammenhänge bleiben unklar. Klar wird nur die Darstellung der dunklen und bedrohlichen Macht, die in Santa Teresa zu wirken scheint und die auf den Urkern der Menschheit hinzuweisen scheint. Dazu kommt der Titel „2666“, eine Jahreszahl in ferner Zukunft, die die Zahl 666 in sich trägt, die Zahl des Antichristen. Das alles zusammen entwirft ein düsteres Bild vom Ende der Menschheit und alles Menschlichen – vielleicht erst in ferner Zukunft, aber scheinbar unabwendbar. Und ich denke, unterm Strich wollte Bolaño genau darauf hinaus. Er hält der Welt einen Spiegel vor, prangert indirekt die Kälte unserer Zeit an ohne jedoch polemisch zu werden. Es ist ein großer Verlust für die Literatur, dass er vor der Vollendung seines überragenden und so wichtigen Werks seinem Krebsleiden erlag. Aber auch unvollendet bleibt das Werk wichtig, vielleicht sogar noch rätselhafter und daher denkwürdiger als es nach Vollendung gewesen wäre. Das werden wir nie wissen.

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