Jahresrückblick 2012: Bücher

5. Januar 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Was darf am Ende des Jahres nicht fehlen? Natürlich der Jahresrückblick auf die gelesenen Bücher. Zunächst mal ein bisschen Statistik: Ich habe 2012 vergleichsweise wenige Bücher gelesen, nämlich insgesamt nur 35, davon 27 auf Deutsch und 8 auf Englisch mit insgesamt einem leichten Überhang zu fremdsprachigen Autoren gegenüber deutschsprachigen (18:17). 31 Bücher sind der Epik zugeordnet, 4 der Lyrik und zur Dramatik habe ich es vergangenes Jahr nicht geschafft (der Ibsen liegt aber schon auf meinem Stapel ungelesener Bücher und wartet). Alle Bücher habe ich übrigens zum ersten Mal gelesen, keines zum wiederholten Male (wenngleich man Ray Bradbury’s „A Pleasure to Burn“ durchaus auch anders bewerten könnte, handelt es sich hierbei doch hauptsächlich um Alternativversionen zu „Fahrenheit 451“).

Nun aber genug der schnöden Zahlen, hier sind meine persönlichen Jahres- Top 10:

1. Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten

Ich habe verflucht lange überlegt, wo ich dieses Buch auf der Liste einordnen sollte, aber im Grunde kann es nur Platz 1 geben. Kein Buch hat mich 2012 länger begleitet, keines hat mich emotional mehr berührt (und teilweise wirklich fertig gemacht), dazu ist es sprachlich auf allerhöchstem Level – es muss da oben rauf. Allerdings ist es eindeutig kein „Lieblingsroman“, sondern eher ein wahnwitziger, tollwütiger, Feuer durch die Nüstern speiender Bulle von Buch, dem ich ich mich gestellt habe. Ich bin froh, mit dem Leben davon gekommen zu sein.

2. Stephen King – 11.22.63

Stephen King hat mich vor vielen Jahren wieder zurück zum Lesen gebracht, und ich bin ihm heute noch dafür dankbar. Allerdings habe ich in den vergangenen Jahren gelernt, seine Bücher kritischer zu betrachten, weil sich ganz einfach auch mein Lesespektrum deutlich erweitert hat. Nichtsdestotrotz ist „11.22.63“, sein Zeitreise-Buch ins Amerika der Ende Fünfziger, Anfang Sechsziger, auch souverän über die mittlerweile höher gelegte Messlatte gesprungen. Ich habe es als wunderbares Liebesdrama gelesen, ein – für King’sche Verhältnisse – fast zartes Buch.

3. Victoria Schlederer – Fortunas Flug

Ich mochte „Des Teufels Maskerade“ unglaublich gern, und der neueste Roman von Victoria Schlederer hat für mich noch einen draufgesetzt. Ein herrliches Buch, opulent, gewitzt, sprachlich grandios und spannend. Dazu kommt, dass der Handlung etwas leichter zu folgen ist als es in der „Maskerade“ der Fall ist, denn die Handlungsstränge sind zwar immer noch sehr bunt und vielfältig, aber etwas reduzierter und damit überschaubarer. Dazu ist die neue Hauptfigur Stella Schönthal eine der stärksten Frauenfiguren, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Eine Schande für das Marketing des Verlags, dass dieses Buch keine breitere Masse angesprochen hat, das haben die bei Heyne aber so was von gründlich versaut! Denn durch Totschweigen lässt sich nun mal kein Publikum finden, das diesen großartigen Roman mit Sicherheit begeistert aufgenommen hätte.

4. Jorge Luis Borges – Das Aleph

Endlich, endlich, endlich! Lange schon bin ich um „Das Aleph“ herumgeschlichen, das mit Sicherheit als das Hauptwerk der Kurzprosa von Jorge Luis Borges bezeichnet werden kann. Und was soll ich sagen? Borges in Bestform halt, wie erwartet. Einen Text daraus hervorheben erscheint ungerecht, da einfach jeder Text eine literarische Perle ist, jede Erzählung hat ihre eigene mythische Symbolik, dargebracht in diesem wunderbar nüchternen Tonfall, dem man einfach alles glauben kann. Aber natürlich gibt es persönliche Lieblingsgeschichten wie zB „Der Unsterbliche“, ‚“Die Theologen“, „Emma Zunz“, „Das Haus des Asterion“ und „Das Aleph“.

5. Anna Koschka – Naschmarkt

Eigentlich würde man den ersten Roman Anna Koschkas (ein Pseudonym von Claudia Toman) bei der Unterhaltungsliteratur für Frauen einordnen, ein Genre, in dem ich mich für gewöhnlich gar nicht bewege, ABER: Das wäre viel zu kurz gegriffen. Denn „Naschmarkt“ ist einfach zeitgemäße und brüllend komische Unterhaltung auf sehr hohem Niveau und damit wirklich ein Buch, mit dem jedermann und jederfrau seinen Spaß hat. Keine Spur von öder Chick-Lit-Klischeehaftigkeit ist in diesem Buch zu finden, sondern nur viele direkt aus dem Leben gegriffene Figuren und Situationen, in denen man sich bestens wiederfindet. So muss gute Unterhaltung sein!

6. Wolf Haas- Verteidigung der Missionarsstellung

Wenn man etwas bei diesem Roman bemängeln müsste, dann dass er im Grunde keine Story hat. Aber da es sich beim Autor um Wolf Haas handelt, fällt dieses Manko gar nicht weiter ins Gewicht. Zu gut sind einfach die vielen Wort- und Sprachspiele, die kleinen und großen Experimente, die nahezu gänzlich gelingen. [HIER BEGEISTERTES, ABER ZU LANG GERATENES BLA BLA EINSETZEN. WARUM KÖNNEN SICH REZENSENTEN NICHT EINFACH MAL KURZ FASSEN?] Klare Leseempfehlung!

7. Sibylle Lewitscharoff – Blumenberg

Zu sagen, dass ich diesen Roman verstanden hätte, wäre wohl zu viel des Guten. Aber angesprochen hat er mich jedenfalls, vor allem auf einer nicht näher definierbaren emotionalen Ebene, was für eine dermaßen kühl konstruierte und erzählte Geschichte doch erstaunlich ist. Und allein schon für die Sprache ziehe ich meinen imaginären Hut vor Sibylle Lewitscharoff. Auf jeden Fall ein Lesegenuss der gehobenen Sorte, und sicherlich ein Buch, in das ich früher oder später noch einmal versinken werde.

8. Ursula Poznanski – Erebos

Ich kann nun absolut nachvollziehen, warum „Erebos“ ein dermaßen überragender Erfolg wurde. Dieses Buch ist einfach sauspannend, von der ersten bis zur letzten Seite. Es entwickelt einen Sog, der den Leser nicht mehr loslässt. Auch spät am Abend, wenn ich eigentlich schon müde war und schlafen wollte, konnte ich das Buch einfach nicht weglegen. Besser kann ein Thriller eigentlich nicht sein.

9. Mascha Vassena – Die Prophezeiung der Seraphim

Noch einmal ein Heyne-Desaster, und ich frage mich langsam, ob eventuell ein bestimmtes Talent dafür erforderlich ist, so großartige Romane wie „Die Prophezeiung der Seraphim“ oder eben, weiter oben genannt, „Fortunas Flug“ dermaßen konsequent zu versenken, wie es dieser Verlag schafft. „Die Prophezeiung der Seraphim“ ist verdammt gute Jugend-Unterhaltung auf sprachlich herausragendem Niveau mit starken Charakteren und einer spannenden Handlung in einem interessanten Setting. Liebe Verlagsleute, was braucht es mehr? Ich verstehe die Welt nicht mehr, kann nur hoffen, dass ich den einen oder anderen Leser auf diese Weise überzeugen kann, dieses wundervolle Buch zu lesen. Wer Fantasy und/oder gut geschriebene Jugend-Unterhaltung mag, sollte an diesem Buch nicht vorbei gehen.

10. Joseph Brodsky – Brief in die Oase

Eigentlich ein bisschen geschummelt, denn tatsächlich habe ich diese Sammlung mit 100 Gedichten des Nobelpreisträgers von 1987 noch nicht ganz fertig gelesen. Aber sie muss da rein in meine Top 10, denn diese Lyrik gehört zum Besten, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Brodsky mussten heuer sogar Kapazunder wie Emily Dickinson und Rainer Maria Rilke den Vortritt lassen. Allerfeinste Gedankenlyrik mit viel beißendem Spott und Selbstironie. Einfach gut.

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