Zum Welttag des Buches

23. April 2012 § 3 Kommentare

„Das Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns.“ (Franz Kafka)

Heute ist Welttag des Buches, ein Tag, der sicher von den meisten unbemerkt bleibt, dem ich hier an dieser Stelle aber die gebührende Aufmerksamkeit schenken will. Denn was wäre die Welt ohne Bücher, ohne die vielen Geschichten, die zwischen zwei Kartondeckeln gepackt mit der ganzen Welt geteilt werden? Um es mit Heinrich Heine zu sagen: „Von allen Welten, die der Mensch geschaffen hat, ist die der Bücher die gewaltigste.“

Ich möchte mich an dieser Stelle, auch wenn die Versuchung groß war, nicht in Diskursen über die Bedeutung von Büchern in der heutigen Zeit bemüßigen und nicht über die Qualität aktueller Veröffentlichungen in Zeiten des Selbstverlages schreiben – zu sehr liefe ich Gefahr, bei dieser gewaltigen Fläche Glatteis ordentlich auf die Schnauze zu fallen – sondern ich möchte stattdessen vielmehr auf Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingehen, die mich mein bisheriges Leben lang begleitet haben. Hier nun also eine kleine Rückschau, wer mich vom ersten Lesealter bis heute begeistern und mitreißen konnte:

Enid Blyton
Ich hatte sie alle: Die „Geheimnisse“-Reihe, die „5 Freunde“, die „Abenteuer“-Serie, komplett und jedes Buch davon mindestens dreimal durchgelesen, manche sogar bis zu zehnmal (so zB „Das Tal der Abenteuer“ – aus meiner Lieblingsserie meine liebste Geschichte). Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ein Großteil meiner Kindheit Enid Blyton gehörte.

Karl May
Mein leider viel zu früh verstorbener Onkel brachte mich zu Karl May. Er hatte die edel grün gebundenen Ausgaben, und jedesmal, wenn ich bei meinen Großeltern übernachtete, nahm ich mir eines dieser Bücher aus dem Regal und verschlang es regelrecht. Old Shatterhand war natürlich ein Idol, doch noch lieber war mir Old Surehand.

Stephen King
Nach einigen Jahren der Leseabstinenz brachte mich ausgerechnet ein Freund, der wenig las, wieder zum Lesen zurück – und zwar, indem er mir „Shining“ von Stephen King mit den Worten „Lies das!“ in die Hand drückte. Er gab mir das Buch am Samstagabend, am Montag in der Schule gab ich ihm den 600-Seiten-Wälzer dankend zurück. Ich denke, dass er bis heute nicht glaubt, dass ich das Buch tatsächlich gelesen habe. Stephen King war dann jedenfalls für einige Jahre mein einziger Autor, dank seines umfangreichen Werkes kommt man damit tatsächlich ganz gut über die Runden. Und ich lese ihn heute noch sehr gerne zwischendurch.

Ray Bradbury
Ray Bradbury und ich. Tja, das ist eine Beziehung, Leute! Es war mal wieder bei meinen Großeltern, als ich in einer Reader’s Digest-Ausgabe auf eine Kurzfassung seines „Fahrenheit 451“ stieß. Und was soll ich sagen? Kein Buch hat mich jemals mehr begeistert und mitgenommen als diese Geschichte des Bücher verbrennenden Feuerwehrmannes Montag, der seine Liebe zu Büchern entdeckt. Später entdeckte ich einen Band mit Kurzgeschichten in einer Buchhandlung, und seither verschlinge ich jede Zeile, die ich irgendwo von ihm entdecken kann. „Fahrenheit 451“ ist für mich immer noch die Geschichte aller Geschichten.

Max Frisch
Alles begann mit einem Reclam-Heft meines Vaters: „Rip van Winkle“, die Theateradaption des Stiller-Stoffes von Max Frisch. Später entdeckte ich „Homo faber“ (Was für eine Geschichte!), „Stiller“ und das wunderbare Verwirrspiel „Mein Name sei Gantenbein“. Max Frisch hat sich permanent einen Platz in meinem persönlichen Lesetriumvirat erschrieben, neben Ray Bradbury ist er dort fix gesetzt, lediglich der dritte Platz dort oben kann auch mal neu besetzt werden (nach langer Stephen-King-Regentschaft nahm zuletzt J.M. Coetzee den Platz an der Sonne ein.)

Thomas Mann
Der wunderbarste Stilist der deutschen Sprache. Punkt. Meine Liebe zu Thomas Mann geht auf meinen Deutschlehrer zurück, der eines Tages für jeden Schüler einzeln ein Buch aussuchte, das dieser zu lesen hatte. Ich bekam „Buddenbrooks“ zugeteilt, mit fast 800 Seiten mit Abstand das dickste Buch von allen. Und ich habe jede einzelne Zeile davon genossen. „Buddenbrooks“ war mein erster Kontakt mit Hochliteratur, der mir wirklich Spaß gemacht hat. Auf diese Weise wurde mir damals Stephen-King-Närrischem eine völlig neue Welt eröffnet.

Umberto Eco
Natürlich, kein weiterer seiner Romane kann es mit „Der Name der Rose“ aufnehmen, welcher auch der erste Eco war, den ich jemals las. Aber trotzdem greife ich bei Eco jederzeit ohne Bedenken zu, denn vergnügliche Lesestunden sind mir gewiss. Ich hege größte Bewunderung für diesen Mann, der so trockene und komplexe historische Stoffe mit so viel Witz verpacken kann.

Salman Rushdie
Wieder mein Deutschlehrer. Ich hatte das Glück, meine Matura mit Auszeichnung zu bestehen, was mir einen Büchergutschein im Wert von 20 Euro durch meinen Deutschlehrer und Klassenvorstand einbrachte. Als ich in der Buchhandlung stand, um diesen einzulösen, dachte ich mir, dass ich das Geld jetzt nicht einfach nur für neue Stephen King-Romane verbrausen durfte, sondern zu Ehren seiner Literaturbesessenheit (im allerpositivsten Sinne) auch mir mal was Sinnvolles zulegen sollte. Dabei stieß ich dann auf „Des Mauren letzter Seufzer“ von Salman Rushdie – der Beginn einer bisher dauerhaften, glücklichen Autor-Leser-Beziehung.

Franz Kafka
Wer einen Beitrag übers Lesen mit einem Kafka-Zitat beginnt, gerät natürlich schwer in Verdacht, eben diesen zu vergöttern. Gut, was die Vergötterung betrifft, so fehlt es mir ein wenig an theologischer Grundkonstitution, aber zumindest maßvolle Bewunderung ist da schon gegeben. Und ich rate jedem angehenden Schriftsteller vehement davon ab, so schreiben zu wollen wie Kafka, denn Kafkas größte Kunst bestand wohl darin, eine unverwechselbare Stimme zu entwickeln, die bei jedem anderen völlig  aufgesetzt klingt.

Georg Trakl
Langsam klingt das hier nach einem Denkmal für meinen Deutschlehrer, aber Tatsache ist: Wenn mich der nicht im Rahmen eines Schulprojekts zusammen mit einem Freund auf Trakl-Mission durch Salzburg geschickt hätte, wo wir Trakls Gedichten auf Brückenpfeilern und Hausmauern nachgespürt haben, wäre ich wohl kaum auf diesen großartigen Dichter gestoßen. Gut, auf der Uni war er mal Bestandteil der Vorlesung „Die deutschsprachige Literatur der Jahrhundertwende“, aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon längst vom Trakl-Virus befallen und hatte hier leichtes Spiel.

Leo Tolstoi
Tolstoi ist so etwas wie mein Russe. Tschechow, Puschkin und Dostojeweski muss ich erst noch lesen (eine Bildungslücke, die ich wirklich bald mal schließen sollte), Gogol, Turgenjew und Bulgakow kenne ich schon einigermaßen (den einen mehr, den anderen weniger), aber Tolstoi ist halt einfach meine Welt. Opulente Dramen, blutige Weltgeschichte und ein Stil, der mich einfach nur staunen lässt. So habe ich mich eben festgelegt: Mein Russe.

Pablo Neruda
Lateinamerikanische Dichter – gibt’s was Besseres? Allein schon die Zeile „Hungrig bin ich, will deinen Mund“ (übrigens auch der Titel einer wunderbaren Sammlung von Liebesgedichten, die Neruda seiner großen Liebe gewidmet hat) steht fest wie ein Felsen in der literarischen Brandung. Ich weiß gar nicht mehr, wann genau ich Neruda entdeckt habe, aber ich weiß, dass ich ihn nicht mehr missen möchte.

Thomas Pynchon
Der große Meister der Postmoderne. Mit dem ersten Werk, das ich von ihm gelesen habe, sein Monumentalroman „Die Enden der Parabel“, habe ich mich, ehrlich gestanden, etwas schwer getan. Das hat mich aber nicht davon abgehalten, ihn weiter zu verschlingen, als wäre das die einzige Mahlzeit auf Erden. Zu absurd-genial sind seine Romane, die in sämtliche Richtungen wuchern und durchsetzt sind mit einem grandios-beißenden Humor. Und auch wenn ich mit der „Parabel“ nach wie vor nicht ganz grün bin, so sind „Gegen den Tag“, „Maxon & Dixon“ und „Natürliche Mängel“ bei mir ganz oben auf dem literarischen Treppchen zu finden.

J.M. Coetzee
Coetzee (von dem ich lange Zeit nicht wusste, wie man ihn richtig ausspricht – ein Schicksal, das er mit Pynchon teilt) entdeckte ich während meines Auslandsjahres in Birmingham. Eher willkürlich griff ich zu dem Roman „Disgrace“ (dt. „Schande“), nicht ahnend, dass dieser Roman meine kleine Lesewelt nachhaltig erschüttern würde. Wenn ich mir aus meinem Bestand fünf Bücher aussuchen müsste, die ich beispielsweise vor dem Flammentod retten könnte o.ä., dann wäre „Disgrace“ mit Sicherheit dabei. Mittlerweile habe ich sein Werk so gut wie durch und warte sehnsüchtig auf neue Veröffentlichungen.

Haruki Murakami
Ich glaube, zu Murakami muss ich nicht viel sagen. Wer kennt ihn nicht? Es gibt wohl kaum jemanden, der Murakami gelesen und eine neutrale Haltung ihm gegenüber entwickelt hätte. Man mag ihn oder man kann überhaupt nichts mit ihm anfangen. Ich selbst mag ihn. Ich mag seine tragisch-gebrochenen Charaktere, die absurden magisch-realistischen Situationen, den Jazz und die versifften Bars. Ich habe mit „Wilde Schafsjagd“ angefangen, wahrscheinlich ein idealer Beginn um in Murakamis schräge Welt einzutauchen.

Paul Auster
Paul Auster ist eine eher jüngere Entdeckung. Meinen ersten Auster las ich vor ein paar Jahren (natürlich die New York-Trilogie), einfach, um mal Auster gelesen zu haben. Und dann bin ich hängen geblieben. Ganz einfach.

Jorge Luis Borges
Borges entdeckte ich ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit. Zunächst las ich den Dichter Borges rauf und runter wie verrückt. Nun den Kurzgeschichtenerzähler. Und irgendwann wird der Essayist folgen, das ist aber so was von klar! Ich mag seine kristallklaren Gedanken, Borges zu lesen ist immer ein bisschen, wie über das Universum selbst zu meditieren.

Das sind also meine Begleiter. Dazu kommen noch viele vereinzelte Bücher großartiger Schriftsteller, deren ich mich bisher zu wenig angenommen habe, die aber auf meiner Liste ganz oben stehen. Aber ich bin noch jung, viele Lesejahre liegen noch vor mir, und wer weiß, in welche Richtung diese Auflistung noch wachsen wird. Bücher kann man schließlich nie genug lesen. Zu guter Letzt bleibt mir in diesem Zusammenhang nur Groucho Marx zu zitieren: „Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.“

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