Der Kaninchenbau

4. März 2012 § 4 Kommentare

Claudia Toman hat, inspiriert durch die Lektüre von Stephen Kings „Der Anschlag“, auf Facebook eine spannende Fragestellung aufgeworfen, der ich mich hier widmen möchte. Ich selbst habe gerade angefangen, das Buch zu lesen, insofern weiß ich noch nicht so wirklich, wohin Kings Ideen am Ende führen.

Angenommen, ihr könntet durch eine Art Zeitloch (King nennt es Kaninchenbau) an einen Punkt der Vergangenheit zurück… und es wäre möglich, etwas zu verändern:

1. Welcher Punkt wäre das?
2. Was würdet ihr verändern?
3. Warum würdet ihr es verändern?
4. Wie würdet ihr das tun?
5. Welche Auswirkungen könnte die Veränderung haben, einerseits für euch, andererseits für die restliche Welt?

Ich gehe mal davon aus, dass damit keine prähistorische Vergangenheit gemeint ist, ich also nicht unbedingt in der Ursuppe rühren würde. Aber auch so bleibt die Fragestellung verdammt anspruchsvoll, denn wenn man die Geschichte betrachtet, lassen sich nur in seltenen Fällen Ursache und Wirkung eindeutig miteinander verknüpfen. Problematisch sind die Quer- und Schrägverbindungen sowie der ganze Aufbau des Zeitstroms, den ich mir – ausgehend vom Urknall – als gewaltigen Schneeball vorstelle, der, so wie sich auch das Universum selbst ausdehnt, immer größer und größer wird, sodass einzelne Kristalle darin nicht mehr geortet werden können. Und welche Gewähr gibt es, dass bei Veränderung etwas offensichtlich Negativen (sagen wir zB die Ermordung von Adolf Hitler, bevor er die Macht ergreifen kann) etwas wirklich zum Positiven geändert werden kann, oder ob man durch das Drehen an den Schrauben nicht eine ebenso fatale Konsequenz verursacht. Um bei dem Hitler-Beispiel zu bleiben: Der Zweite Weltkrieg wäre dann 1939 wohl ausgeblieben, aber durch das Ausbleiben der schrecklichen Erfahrung dieses Krieges wäre wohl niemand in Europa auf die Idee gekommen, die staatengemeinschaftliche Zusammenarbeit zu stärken. EGKS, EWG und EURATOM wären nicht gegründet worden, und in weiterer Folge gäbe es keine Europäische Union, die – bei allem politischem Durcheinander – mit Sicherheit die erfolgreichste Frieden stiftende Institution in der Geschichte Europas ist. Vielleicht wären sich stattdessen Frankreich, Deutschland und England irgendwann in den 70er Jahren mit Atomsprengsätzen an die Gurgel gegangen. Vielleicht wäre der Kalte Krieg trotzdem zustande gekommen, in diesem Fall aber als heißer Krieg ohne dem abschreckenden Beispiel von Hiroshima und Nagasaki. Natürlich, es käme auf einen Versuch an, und wenn, wie bei King, jede Reise die erste Reise wäre und dadurch etwaige verursachte Veränderungen bei erneutem Antreten der Reise durch den Kaninchenbau ausgelöscht wären, dann käme es wohl auf einen Versuch an. Aber einen derart globalen und lang angelegten Versuch kann ich selbst nicht durchführen. Als halber Cyborg mit Herzschrittmacher bleibt mir für meine Reise eine Zeitspanne von maximal vier, fünf Jahren. Selbst wenn ich in ein Jahrzehnt reisen würde, in dem Herzschrittmacher prinzipiell schon im Einsatz waren, wäre mein aktuelles Kasterl mit der damaligen Technologie nicht kompatibel und würde bei den Ärzten nicht mehr als hilfloses Erstaunen hervorrufen. Natürlich könnte ich beispielsweise in die 30er Jahre zurückreisen, Hitler eine Kugel in den Kopf jagen und dann wieder flugs zurück durch den Kaninchenbau ins Jahr 2012 reisen. Aber was, wenn ich dann eine brennende Welt vorfände, der Kaninchenbau darin vielleicht komplett ausgelöscht wäre?

Also gehe ich lieber vorsichtig mit meinen Veränderungsideen an die Sache ran. Ich hätte da alternativ schon eine ganz konkrete Vorstellung im kleinen, familiären Bereich, allerdings ist das zu persönlich, um auf diesem Wege publiziert zu werden. Ich weiß jedenfalls, was ich in diesem Fall tun würde, und ich denke, dass es für einige sehr wichtige Menschen in meinem Leben eine sehr, sehr positive Auswirkung haben sollte. Für die restliche Welt würde diese Veränderung keine Rolle spielen, aber meine subjektive kleine Welt wäre davon immens betroffen. Es wäre nicht einmal viel dazu notwendig, einfach die richtigen Worte im richtigen Moment gesetzt. Und vielleicht würde ich meinem vergangenen Alter Ego bei der Gelegenheit ein paar Lottozahlen und Aktienkurse zustecken. Er wüsste jedenfalls, was er damit sinnvollerweise anstellen könnte. Die Welt kann man, wie ich finde, nur im Kleinen verändern, sei es durch den Bau von Tierheimen, Frauenhäusern und die Unterstützung von nachhaltigen Aufbauprojekten in den armen Regionen der Welt. Mögen Andere diesen Zeichen folgen.

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§ 4 Antworten auf Der Kaninchenbau

  • Ich finde, Thomas, du hast das gut überlegt! Die Veränderung im Kleinen ist bestimmt eine Anwendung für den Kaninchenbau, die Potential hat. Du wirst sehen, wie King damit umgeht, genial finde ich. Vor allem über das Thema Harmonisierung möchte ich unbedingt mit dir diskutieren, sobald du weit genug gelesen hast. Dazu habe ich nämlich so einige Ideen.
    Lg Claudia

  • Hallo Claudia,

    auf Kings Lösung bin ich auch schon sehr gespannt. Im Moment sind beim Lesen noch viele Fragen offen, aber ich merke trotzdem schon, dass sich King für diese Fragen was Nettes ausgedacht hat. Das schimmert zwischen den Zeilen durch. Weitere Diskussion gerne nach Beendigung des Buches, vielleicht im Rahmen einer Tasse Kaffee vor/nach dem Theaterbesuch?

    Liebe Grüße

    Thomas

  • Ja, Veränderung im ganz persönlichen Umfeld – da bin ich total bei dir! Aber muss ich dazu in die Vergangenheit zurückgehen? Gerade in unserer persönlichen „klienen Welt“ haben wir doch jeden Tag, jede Minute sogar, die Möglichkeit, uns wieder richtig zu positionieren – wenn es gerade irgendwo gehakt hat. Da genügen die richtigen Worte (hoffentlich!) auch in der Jetztzeit noch, um eine schiefe Bahn wieder gerade zu rücken. oder?

    Beste Grüße!
    Gabi

  • Hallo Gabi,

    in diesem konkreten Fall, an den ich gedacht habe, geht das leider nicht. Manchmal geschehen Dinge, die sich mit Worten nicht korrigieren lassen.

    Was die sonstige, allgemeine Neupositionierung im eigenen Leben betrifft: Im Moment der Entscheidung weiß ich ja noch nicht, welche Konsequenzen aus den Veränderungen entstehen könnten. Wenn ich versuchen würde, etwas Schiefes wieder gerade zu rücken, heißt das noch lange nicht, dass die Zukunft besser verlaufen würde als ohne dieser Korrektur. Aus guten Situationen sind schlechte Dinge entstanden, aus schlechten Situationen Gutes. Vieles, was mein Leben ausmacht, ist sehr zufällig so entstanden, ich hätte zum Entscheidungszeitpunkt nicht sagen können, ob ich zuversichtlich oder mit Sorge in die mögliche Zukunft blicken sollte. Im Endeffekt frage ich mich schon, ob es überhaupt sinnvoll ist, das Leben au8s einer bestimmten Einstellung heraus beeinflussen zu wollen, oder ob es nicht eher so ist, dass man einfach ein paar Glückskekse und ein paar Arschkarten gleichermaßen in seinem Rucksack herumträgt, die irgendwann halt herausgefischt werden. Der Zeitpunkt, wann man was genau herauszieht, ist beliebig und man kann sich vielleicht zu bestimmten Momenten denken: ‚Gut, ich fasse jetzt ein bisschen mehr nach links, da ich das Gefühl habe, dass dort mehr Glückskekse liegen‘, oder man denkt sich vielleicht: ‚Ich greife jetzt noch nicht in meinen Rucksack, sondern nehme die nächste Steigung noch mit‘, aber am Ende, kurz vorm Gipfel, ist der Rucksack bei jedem leer.

    Die obige Sache, an die ich gedacht habe, hätte wohl weitaus weitreichendere Konsequenzen. Ich würde vielleicht nicht unbedingt das Arschkarten-Glückskekse-Gleichgewicht ändern in the long run, aber ich würde vermutlich auf einen ganz anderen Berg steigen, einen, auf dem es sich etwas leichter atmen lässt. DEN Versuch würde ich gerne wagen.

    Liebe Grüße

    Thomas

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