Nach der Lesung

19. September 2006 § 2 Kommentare

Bin gerade aus dem Auto und direkt vor meinen Computer gepurzelt.

Wie gestern angekündigt, habe ich ein paar meiner Texte der Meute zum Fraß vorgeworfen. Vor der Veranstaltung (Lesung im Literaturhaus Salzburg) schon mal die Beruhigung: Nein, man liest die eigenen Texte nicht vor, sondern die werden von Freiwilligen gelesen, um die Anonymität zu wahren. Grund: Dann kann man später in der Diskussionsrunde ordentlich auf die Autoren draufknüppeln.

(Mit mir) sieben Autoren und eine Handvoll Literaturinteressierte haben sich der Herausforderung gestellt. Die Texte waren qualitativ sehr unterschiedlich und reichten von detaillierten und humorvollen Reisebeschreibungen über autobiographische Tagebucheinträge bis hin zu sehr kryptischer, anspruchsvoller Lyrik.

Die Einminutenbeiträge wurden gleich einmal gekappt und damit ist schon mal mein Einstiegsgedichtchen, das ich hier auf dem Blog zuvor noch eingestellt habe, rausgeflogen. Mit dem „toten Hasen“ ist es dann bei mir losgegangen. Zunächst sind die 5-Minuten-Texte vorgelesen worden, über die dann abgestimmt wurde. Die drei Texte mit den meisten Stimmen sollten deren Autoren ins Finale schießen, die dann um die Einladung zu einer bezahlten Lesung mit einem 10-Minuten-Text rittern.

Drei Texte bekamen in der Abstimmung 4 Stimmen, mein toter Hase 3. Pech gehabt, dachte ich schon, aber dann schlug sich Fortuna doch noch auf meine Seite. Einer der Finalautoren (bzw. eine Finalautorin) hatte nicht genug Textmaterial mitgebracht, um volle 10 Minuten zu füllen und so bin ich als viertes Rad am Wagen doch noch reingerutscht.

Bei der Finallesung hatte ich drei Texte zu je etwa 3,5 Minuten im Angebot: Das hier schon veröffentlichten „Fußabdrücke hinterlassen“ sowie den „Kirschblütensommer“ als Platzhalter und Verschnaufpause, ehe ich die Leser mit „Wieder einmal bei dir“ noch mal aufrütteln wollte. Eine gute Taktik, die aber leider daran scheiterte, dass nach dem Kirschblütensommer schon Schluss war, da der Vortragende zwar schön, aber langsamer als ich vortrug und die Texte daher länger als 3,5 Minuten waren. Ergo hing die ganze Chose mit einer schwülstigen Detailbeschreibung von weißen Blüten in der Luft. Aber so weit, so gut.

Dann die Diskussionsrunde: Und hier wurde gleich einmal kräftig auf meine armen Kirschblüten, aber auch die Fußabdrücke, eingeknüppelt von Seiten des Veranstalters, der selbst das meiste Feedback gab. Breit geschmunzelt habe ich aber, als bei einer Kritik zu den Fußabdrücken mal der Ausdruck „Tagebucheintrag“ fiel. Es kam aber auch positive Kritik – ein einsamer Verfechter meiner Textchen, ausgerechnet der, der diese auch vorgelesen hatte, stempelte die Texte mit dem Prädikat „sinnlich“ und den Autor als „sehr sensibel“ ab, was dann meine Laune doch wieder etwas hob.

Die anderen Beiträge im Finale: Eine Fortsetzung der Reisebetrachtungen, weiterhin sehr humorvoll und stilistisch sehr sicher. Dann eine kurze Geschichte über das kurzlebige Beziehungen bzw. Abenteuer als moderne Frau (teilweise sehr gut geschrieben, wenngleich nicht unbedingt der Feger) – von dem Chefjuror hoch gepriesen, da er am Vorabend Sex and the City geschaut hatte, sowie noch ein paar interessante Gedichte und lyrische Prosatexte, die meiner Ansicht nach etwas unter Wert geschlagen wurden, da sich eine großartige und gewitzte Sprachverliebtheit der Autorin zeigte.

Jedenfalls war schon vor der Abstimmung klar, dass ich – der ich bei der Diskussionsrunde am meisten Kritik einstecken musste – bei der Abstimmung selbst wohl keine Meter machen würde. Doch dann die Überraschung: Mit fünf Stimmen immerhin Platz 2! Ich fühlte mich da ein wenig wie Stephen King: Von den Kritikern stets belächelt, aber vom Publikum gern gelesen. Einen Dank an das Publikum!

Gewonnen haben die Reisebetrachtungen, ein nicht besonders überraschender Sieger, da diese humorvollen und stilsicher beschriebenen Betrachtungen nirgendwo aneckten und jedem ein Lesevergnügen bereiteten. Anspruchsvoller waren sicherlich die Gedichte der sprachverliebten Autorin, aber diese waren dafür auch kontroverser.

Fazit: Eine nette Veranstaltung, die die Gelegenheit gibt, sich mal anonym, aber von Angesicht zu Angesicht zerfetzen zu lassen, dazu kommt noch eine Brise Nationalratswahl-Stimmung, wenn dann von vier Möglichkeiten der Sieger verkündet wird, der noch einmal ans Pult darf. Das Niveau war im Durchschnitt gesehen relativ hoch, wenngleich dann der gewonnen hat, der am leichtesten verdaubar war.

So, und jetzt gehe ich schlafen.

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§ 2 Antworten auf Nach der Lesung

  • LeV sagt:

    Danke für diese interessante Schilderung. Ich frage mich, ob es sowas in Berlin auch gibt. (Ja, ja, sowas gibt es schon, ist aber meist auf Schüler bis 19 Jahren beschränkt.) Vielleicht wäre das ja mal ein Anlaß meine Skupel vor dem öffentlichen Lesen zu verlieren, um das ich mich ja bisher gekonnt gedrückt habe. Bei einer Lesung vorne sitzen und hinterher in die fragenden Gesichter meiner Zuhörer blicken, das bringe ich nicht. Ich schreibe keine satirischen Kurzgeschichten oder rappenden Gedichte, die einem Abendpublikum auch nach einmaligem Hören leicht runtergingen. Im Gegenteil, ich halte meine Gedichte schon eher für etwas, das man am besten intim rezipiert und möglichst mehr als einmal. Ich habe nichts geschrieben, das einerseits dem Event-Charakter heutiger Lesebühnen, die es ja sehr zahlreich gibt in Berlin, andererseits meinem Eigenanspruch, etwas zu schaffen, das längerfristig bedenkenswert ist, irgendwie gerecht werden könnte. Wo also sollte ich lesen, zumal ich ja als namenloser Online-Poet sowieso nicht mit irgendwelchen tollen Publikationen oder Preisen punkten kann.

    Eine kleine Runde, in der man hinterher über die Texte spricht, sie bewertet, sich mit ihnen auseinandersetzt, sie meinethalben zerreißt, wenn sie einem nicht gefallen – das wäre meine Lesebühne. Sowas habe ich in Berlin aber noch nicht gefunden.

  • Thomas sagt:

    Hallo LeV,

    erst einmal ein freundliches Hallo. Nett, dass du auf mich gestoßen bist und mitliest.

    Es kann doch wohl nicht sein, dass es in dem Kuhdorf Salzburg etwas gibt, was es in der Weltstadt Berlin nicht gibt. Bin mir sicher, dass es irgendwo in Berlin eine ähnlich gelagerte Veranstaltung wie die von mir besuchte gibt – nur funktionieren aufgrund der kleineren Ausdehnung der Stadt die Buschtrommeln in Salzburg halt einfach besser, während es für dich vermutlich schwierig ist, herauszubekommen, wo wann was läuft.

    So ohne war die Veranstaltung übrigens auch nicht, da man als Autor ja brav still halten musste, während die wilde Meute über die Texte hergefallen ist. Um eine unvoreingenommene Bewertung zu erzielen (immerhin ging es um eine mit 250 Euro bezahlte Lesung), wurde bis zum Schluss völlige Anonymität gewahrt. Oftmals war der Wille schon groß, einfach hinauszuplärren, dass die werten Damen und Herren mit ihrem Kritikpunkt ins Leere fahren, weil blablabla und blablabla. Ging nicht. Still sitzen, interessiert gucken, freundliches Gesicht machen. War auch mal eine interessante Erfahrung und man entwickelt Demut. Das ist etwas, was man als Autor gut brauchen kann.

    Das Publikum war klein, aber fein. Ich würde schon sagen, dass es nicht unbedingt das Zielpublikum rappende Gedichte war, wenngleich sich dann doch eher die konventionellen Beiträge durchgesetzt haben (möchte mich da nicht ausschließen). Aber zumindest hatten 80 % der in der Runde Sitzenden eine Ahnung davon, woran es bei einem Text ankommt und Kritik bzw. Kommentare kamen von allen Seiten. Mit einem „ui … war das aber schööööön!“ konnte bzw. wollte sich niemand begnügen. Allein deshalb war die Veranstaltung schon mal sehr interessant.

    Deine Texte hätten hier sicherlich eine gute Figur gemacht, zumal deine Gedichte ja nicht unentschlüsselbar verschachtelt sind (was hier ja sehr in die Hose gehen kann, da man nicht viel Zeit hat, sich intensiv mit einem Text auseinanderzusetzen), sondern auch für eine oberflächlichere Betrachtung genug Material liefern. Dass man dann durchaus tiefer schaben kann, ist eine andere Sache. Aber jedenfalls hättest du mit deinen Gedichten punkten können, da bin ich mir sicher. Das Publikum dafür war da.

    Vielleicht findest du eine ähnlich gelagerte Veranstaltung ja noch. Ich bin sowieso der Überzeugung, dass deine Gedichte ein breiteres Publikum vertragen würden. Man muss schließlich nicht alles verstehen, um etwas mögen zu können. Geht mir bei vielen von deinen Gedichten ja nicht anders. 😉

    Viele Grüße

    Thomas

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